48 Stunden in Shanghai

1. Juli 2005, 14:17
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Als "Paris des Ostens" galt Shanghai, bevor die Kommunisten 1949 die Herrschaft übernahmen. Ein halbes Jahrhundert später orientiert sich die Stadt auf ihrem Weg vorwärts erneut an ihrer legendären Vergangenheit

Fürs Reisebudget mag es eine Belastung sein. Aber auf der Prioritätenliste für Shanghai steht einfach das Peace Hotel, in das wir am

Tag eins

sofort einchecken. Cathay hieß das honorige Etablissement einstmals, oder auch Sassoon House, nach seinem Besitzer Victor Sassoon. Mit seinem sagenhaften Reichtum aus dem Opium- und Waffenhandel gehörte der Abkömmling einer Bagdader Familie zu jener europäisch-internationalen Elite, die Shanghai von den 20er bis 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts ihren legendären Glanz verlieh.

Sein Hotel liegt nur wenige Schritte vom Bund entfernt und direkt an der Nanjing-Straße, über die 1949 die Kommunisten kamen, um die Macht von den Nationalisten zu übernehmen. Doch wenige Jahrzehnte danach hat sich Shanghai längst Deng Xiaopings Motto "Reich werden ist ruhmreich" auf die Fahnen geschrieben. Der Bund, an dem die großen, vornehmlich europäischen Unternehmer und Bankiers ihre Sitze hatten, ist wieder zur Flaniermeile geworden. Das Streben nach Geld ist erneut der Motor der Stadt, die Nanjing-Straße mit ihrem starken sozialistischen Flair ein Einkaufsmekka. Die erst im letzten Jahrzehnt entstandene Sonderwirtschaftszone Pudong, jenseits des Huangpu- Flusses, repräsentiert die Offenheit nach außen. Vom Bund kann man per Boot auf dem Huangpu entlang Pudong zum Hafen, einem der größten der Welt, hinaus zum Meer und retour zum Bund und Peace Hotel fahren. In der dortigen Jazz Bar bemüht sich abends die Band, jene Atmosphäre von dereinst wieder zu erwecken, die doch nur mehr in der Phantasie jedes einzelnen zu finden ist. So wie wir am

Tag zwei

beim Bummel in Richtung des alten chinesischen Viertels und durch dessen enge, winkelige Gässchen nur mehr dank umfassender Literatur nachvollziehen können, was Coolie-und sonstiges sklavenähnliches Dasein im einstigen Shanghai-Kapitalismus einmal bedeutet haben muss.

Wer das Teehaus und den Yuyuan Garten am Rande des chinesischen Viertels frequentieren konnte, gehörte zweifelsohne einer anderen Schicht an. Auch als Touristenmagnet lohnt das Teehaus schon wegen des exklusiven Angebots an Teesorten einen Abstecher. Von hier bummeln wir weiter ins ehemalige französische Konzessionsgebiet, wo im Juli 1921 die chinesische KP ihren Gründungskongress abhielt und einige Gassen weiter, in der früheren Rue Moli`ere sich eine Residenz des Begründers der Republik China, Sun Yatsen, befand. Beide Gebäude sind heute als Museen zugänglich.

Wer einen kleinen Eindruck von zeitgenössischer chinesischer Malerei bekommen will, dem sei nun der Weg (per Bus oder U-Bahn) zum Portman Shangri-La Hotel und in die dortige ShangArt-Galerie nahegelegt. Im Shangri-La Komplex lässt sich auch der Abend verbringen. Seit der Zerstörung des alten Theaters finden hier Akrobatik-Aufführungen statt

Ganz persönlich

Am besten orientiert man sich am Dampf, der aus dem Fenster dringt, und dann am Andrang der Einheimischen: Wenn beide stark sind, dann kann man im Bazar des alten chinesischen Viertels von Shanghai sicher sein: Die Baozis und Jiaozis, die gefüllten Teigtaschen, müssen gut sein.

Die Rede ist hier nicht von großen Restaurants, sondern den kleinen, einfachen Lokalen, in denen es sonst kaum was gibt außer den Baozis und Jiaozis, was für alle des Chinesischen Unkundigen gleich noch den Vorteil hat, dass man beim Bestellen einfach mit dem Finger auf die Teiggebilde der Leute am Nachbartisch zeigt. (Der Standard, Printausgabe)

Ein Lokalaugenschein von Brigitte Voykowitsch.
  • Der Finanzdistrikt in Shanghai
    epa/qilai shen

    Der Finanzdistrikt in Shanghai

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