Die Sonne im Glas um Mitternacht

7. Dezember 2004, 16:26
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Das Bier kam über die alte Hauptstadt Turku nach Finnland. Und ließ sich dort an ungewöhnlichen Plätzen nieder

Spätwinter in Finnland: Noch steht die Sonne später auf als die Menschen. Nicht hoch steigt sie, und die schnellen Wolken aus dem Nordwesten schlagen ihre Schatten auf Seen, Wiesen, kleine Gehöfte, jagen über die Stadt am Meer: Turku. Oder Åbo, wie sie die Schweden nennen. In der ältesten Stadt Finnlands wird es ohne Sonne schnell empfindlich kühl, und der Wind dringt durch die Kleider. Selbst an klaren Tagen sehnen die Menschen den Abend herbei. Dann spiegelt sich die blassrote Dämmerung im Aura-Fluss, und der 700 Jahre alte Dom ändert seine Farbe. Der steinerne Turm schimmert dann wie aus Zedernholz vor dem dichter und dunkler werdenden Blau des Himmels.

Um zu ahnen, wie das warme, volle Sonnenlicht des Sommers ausgesehen haben mag, findet sich bald ein Gutteil der Stadtbürger in den Gastwirtschaften, Kellern und Pubs ein. Gutmütig schauen die Finnen dann von der Seite durch ihre vollen Biergläser, freuen sich still, trinken auf ihr Wohl. Die "Sonne im Glas" hatte hier immer einen privilegierten Stand.

Ausgeschenkt wird in hunderten Gaststätten von bizarrer Vielfalt: Wo sonst wandert Bier und Branntwein über den ehrwürdigen Tresen einer alten Apotheke? Wer würde im Gebäude der Volksschule ein Brauhaus vermuten? Und aus dem Toiletten-Rondeau des Holzmarkts dringt jeden Dienstag abend finnisches Liedgut nach draußen - es wurde zur gemütlichen Bierschenke umgebaut. Stätten der Heilung, des Wissens und der Erleichterung - erobert vom Bier und seinen Getreuen, den Biertrinkern.

Eine gemütliche Erfolgsstory. Wer schreiben konnte, schrieb das Jahr 1157, als die blonden Eroberer aus dem Westen hier landeten: Schwedenkönig Erik Jedvarsson, seine Kreuzfahrer und einige Fässchen Bier als Proviant. An der Mündung des Aura-Flusses erstand Åbo, das "Dorf am Fluss". Es war die Geburtsstunde von Varsinais-Suomi, dem eigentlichen Finnland. Um 1280 wurde der Grundstein für das Schloss Turku gelegt: zuerst ein Wachturm aus Holz, nach Generationen eine Festung, ein massives Schloss mit kleinen Fensteraugen in den dicken Steinwänden. Bald wurde hier eigenes, finnisches Bier gebraut, die Schlosswachen im 16. Jahrhundert erhielten es als Sold: fünf Liter am Tag, sonst nichts. Noch war ja nicht viel zu bewachen.

Heute kann man im Schloss schmausen wie zu Zeiten der Wikinger, das Mahl ist üppig und vorzüglich, und die Zuhilfenahme von Besteck ein Stilbruch. Flussaufwärts fand das Bier im 19. Jahrhundert eine echte Heimstatt: die Aura-Brauerei. Die ausladende Faktorei aus Backstein findet man dort, wo die kleine Fähre "Föri" hunderte Male am Tag die Aura kreuzt. Von hier wurden gutes Bier und geistige Getränke zu allen Finnen geliefert.

Seine weltliche Macht hatte Åbo zu diesem Zeitpunkt bereits verloren: Nach rund 500 Jahren als Hauptstadt des schwedischen Vasallenreiches wurde es 1812 von Helsinki abgelöst. Über das Land der Tausend Seen (es sind mehr: gezählte 187.888) herrschten nun die Russen. Seither trinken die Finnen auch Wodka zu ihrem Bier, und ihre Lieder tragen schwer an der melancholischen Sehnsucht nach Weite und Einsamkeit, ganz wie alte russische Weisen.

Am Silvesterabend 1917 war Finnland endlich unabhängig, doch schon in den 30er-Jahren verstümmelte es seine neugewonnene Freiheit selbst: Prohibition. Alkoholverbot. Die Brauerei sperrte zu, dunkle Jahre für die Bierhauptstadt Turku brachen an . . . Das nächste Datum sollte von Markku Heikkilä kommen, dem wohl einzigen Wirten in einer ehemaligen Bedürfnisanstalt: "Es war der 5. März 1932. Nein, der 3. Mai 1932, nein: einen Moment . . ." Er tappt mit den Fingern zwischen den Knöcheln seiner linken Hand herum.

Es gibt da nämlich eine Eselsbrücke, damit sich jeder Finne merke, wann dieses unmenschliche Gesetz wieder abgeschafft wurde. (Das staatliche Alkoholmonopol blieb übrigens bis heute bestehen, Wein und Schnaps gibt es nur für Personen, die älter als 21 Jahre sind und auch nur in "Alko"-Läden.) Als sich der 15-jährige Markku in den 60er-Jahren ein wenig Schnaps kaufen wollte, kam er zum ersten Mal ins "Puutorin Vessa": Die öffentliche Toilette am Holzmarkt war zugleich Umschlagplatz für schwarz Gebranntes. "Nein, sie haben wohl keine Informationen . . .", fragte er damals mutig, und prompt schob ihm jemand ein Fläschchen Branntwein in die Manteltasche. "Mit einem zweifelnden Nein beginnt jeder Finne hier im Südwesten ein Gespräch", erläutert Markku.

Während er sich im Bassenageplauder ständig selbst übertrifft, ruht sein Blick auf einem schönen blauen Nachttopf, randvoll mit Bier, vor uns auf dem Tisch. Direkt angesehen wird man selten, aber wenn der Finne denn einmal redet, so redet er offen und warm, ohne Umschweife. "Wir haben dann gut gelüftet und 1996 endlich unser ,Puutorin Vessa' eröffnet", erzählt er weiter. "Hie und da strauchelt ein angeheiterter Auswärtiger herein, der einfach nur ,muss'. Für zwanzig Pence verkaufe ich ihm dann zwei Blatt original Klopapier."

Das Beispiel von Markku Heikkilä hat Schule gemacht: Seit 1998 wird in der Schule Bier gebraut und ausgeschenkt. Die Klassenräume blieben bestehen in "Koulu", dem alten schwedischsprachigen Lyzeum, doch zwischen Schautafeln und Landkarten reift heute nicht die Jugend, sondern das gute Hopfengetränk. Verfehlen kann man "Koulu" kaum, denn der bescheidene klassizistische Bau nahe dem Marktplatz gönnt dem Auge Ruhe. Ansonsten haben funktionalistische Bauten den Charme und die Unverwechselbarkeit des alten Stadtzentrums weitgehend getilgt.

Das Pub in der alten Apotheke schließlich, heute "Uusi Apteekki", ist nicht weniger verspielt. Was fände sich wohl in den alten Holzregalen mit über 500 kleinen Schubladen? Das größte Biersortiment von Turku wird hier an der alten Budel, Baujahr 1903, gezapft und verleitet zu einer letzten Frage an Barkeeper Pekka. Er kennt ja Bier aus aller Welt, aber wie hat es das finnische Bier geschafft? Diese Popularität, diese Allgegenwart, diese Bierliebe? Was ist das Erfolgsrezept? "In Finnland? Ganz einfach: Finnisches Bier ist hier das billigste." (Der Standard, Printausgabe)

Von Thomas Brunnsteiner
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