Brave Buben in New York

23. Februar 2005, 22:03
posten

Jack McCollough und Lazaro Hernandez arbeiten als "Proenza Schouler" im Duett und erklären ihre Mütter und Schwestern zur Inspirationsquelle

Sie sehen aus wie Mamas Lieblinge, frisch gewaschen und glatt rasiert, die Augen blank geputzt, die Haare brav gescheitelt. Bestimmt riechen sie auch gut. Wen wundert es also, dass New Yorks neues Power-Duo in Sachen Mode, Proenza Schouler, die erklärten Darlings aller Moderedakteurinnen sind. Zudem sind sie 25 Jahre jung, ein Grund mehr, sie ein bisschen unter die Fittiche zu nehmen. Jack McCollough und Lazaro Hernandez, wie sie eigentlich heißen, haben den Bubencharme und das gute Aussehen, das man sonst mit den jugendlichen Helden aus Fernsehserien in Verbindung bringt. Das genügt natürlich nicht, um auch im Haifischbecken der Kleiderbranche erfolgreich zu sein.

"Sie sind nicht einfach zwei Stylisten wie alle anderen auch", bemerkt dazu André Leon Talley kürzlich in einem Interview. Der schwergewichtige "Arbiter Elegantiarum" der amerikanischen Vogue meint, dass ihre wahre Stärke in der Wertschätzung liege, die sie der Konstruktion von Mode entgegenbrächten. "Schnitt, Futter, Säume - alles ist perfekt ausgeführt! Außerdem", so fügt er lächelnd hinzu, "verschicken sie die wunderbarsten handgeschriebenen Nachrichten." Wieder blitzt das Brave-Buben-Syndrom auf.

Dies - und das Talent dazu - hat Talleys Chefin Anna Wintour, gefürchtete Lady-Boss der US-Vogue, schon früh erkannt. Als Lazaro Hernandez vor fünf Jahren per Zufall im selben Flugzeug saß wie sie, ermunterte ihn seine Mama: "Sprich sie an! Sie ist auch nur ein Mensch." Dessen war sich Lazaro nicht so sicher. Aber er ließ ihr galant von der Stewardess eine Cocktailserviette überbringen, auf der er über seine Bewunderung für sie, über seine Liebe zur Mode und ein paar Worte zur eigenen Person schrieb. Natürlich reagierte Mrs. Wintour nicht. Aber ein paar Wochen später erhielt er einen Anruf aus dem Büro von Michael Kors, eines der erfolgreichsten Designer in New York, der ihm mitteilen ließ, dass Anna Wintour befand, er solle bei ihm arbeiten.

Lazaro Hernandez folgte dem Ruf. Im kubanischen Teil von Miami geboren wollte er ursprünglich Arzt werden, verliebte sich aber schon früh in die Mode. Sie bewunderte er an den hübschen Kundinnen seiner Mutter in deren Schönheitssalon. Also ging er 1999 nach New York auf die Parsons School of Design, wo er Jack McCollough traf. Auch er hatte sich eher auf Umwegen für die Mode entschieden. Aufgewachsen in einem Vorort von New Jersey besuchte er zunächst das San Francisco Art Institute, um die Glasbläserei zu erlernen. Als es ihm jedoch gelang, ein Praktikum bei Marc Jacobs zu ergattern, Kult-Designer der jungen Generation seit seiner Grunge-Kollektion vor zehn Jahren, entdeckte McCollough seine Lust am Nähen wieder. Immerhin hatte er sich mit zehn Jahren eine Nähmaschine zum Geburtstag schenken lassen.

Noch vor dem Schulabschluss sollten sich die beiden zu einem Team zusammenfinden. Als der Konfektionär United Bamboo bei ihrem Semester um Mitarbeit nachfragte, beschlossen sie, das gemeinsam zu machen. Dabei stellten sie fest, dass sie in allen grundsätzlichen Fragen übereinstimmten, auch was Farben, Silhouetten und Proportionen betraf. Seither sind sie unzertrennlich. Somit war es für sie nur logisch, dass sie im Herbst 2002 ihre Abschlusskollektion für die Parsons School als Gemeinschaftsarbeit ablieferten.

Ausgerechnet aus den Mädchennamen ihrer Mütter, Proenza und Schouler, bastelten sie einen Firmennamen. "Schließlich entwerfen wir für Frauen und nicht für Kids", war die Erklärung. Was sie zeigten, war eine schlanke, elegante Silhouette mit schmalen Hosen und bleistiftengen Röcken unter Cabanjacken, die sie auf Bolerolänge stutzten. Die Stoffe dafür stammten von Michael Kors und Marc Jacobs. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Der Vorsitzende der Abschluss-Jury war Peter Arnold, Executive Director des Council of Fashion Designers of America, jenes Gremiums, das alljährlich die Mode-Oscars vergibt. Er empfahl die beiden an Barney's, eines der renommiertesten Modehäuser in New York. Sie kauften die gesamte Kollektion und gaben prompt eine nächste in Auftrag.

Carine Roitfeld, Chefredakteurin der französischen Vogue, war so begeistert, dass sie jedes Stück für sich privat kaufte. Außerdem wurden Liv Tyler und Demi Moore als Kundinnen gewonnen. Und als der CFDA im vergangenen Jahr seine Preise erneut vergab, erhielten Proenza Schouler den "Perry Ellis Award" als die vielversprechendsten jungen Talente der Branche. In seiner Laudatio lobte Peter Arnold sie als das "Versprechen der Mode Amerikas an die Zukunft".

Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, dass ihr Stil eher nach Retro aussieht. Sie bewundern die Couture der 50er-Jahre, verehren die großen Namen wie Dior, Coco Chanel und Balenciaga. Folglich kann ihre Mode als eine Reaktion gegen all jene Leute interpretiert werden, die "Anti-Fashion" als schick empfinden. Dafür darf dann ein Trenchcoat aus Büffelleder auch einmal 2400 Dollar kosten, wenn er seine Trägerin so selbstbewusst und sexy aussehen lässt wie auf einem Foto von Helmut Newton. "Die Großen der Mode inspirieren uns sehr", fügt Lazaro Hernandez hinzu, "aber das tun eigentlich alle Frauen, auch unsere Mütter und unsere kleinen Schwestern." Braver Bub, ist man versucht zu sagen. (Der Standard/rondo/14/01/2005)

Von Peter Bäldle
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Frühjahr/Sommer-Outfit von Proenza Schouler

Share if you care.