Ungebetener Zeuge ruhmloser Existenzen

  • Moment der Bestürzung beim Urteilsspruch: Ein Drogendealer aus Raymond Depardons nuancierter Gerichtssaaldoku 
"10. Pariser Strafgericht".
    foto: stadtkino

    Moment der Bestürzung beim Urteilsspruch: Ein Drogendealer aus Raymond Depardons nuancierter Gerichtssaaldoku "10. Pariser Strafgericht".

Der französische Dokumentarist Raymond Depardon zeigt das "10. Pariser Strafgericht" als gesellschaftliches Panoptikum

Im "10. Pariser Strafgericht" werden kleine, meist unspektakuläre Vergehen verhandelt. Der französische Dokumentarist Raymond Depardon hat dabei mit der Kamera zugesehen und ein gesellschaftliches Panoptikum festgehalten.


Wien - Es ist der erste Auftritt der älteren Dame vor Gericht. Bei einem Essen hatte sie das eine oder andere Glas zu viel getrunken, sie wurde aufgehalten, man hat ihr den Führerschein entzogen. Ihre Verteidigung ist ein wenig diffus. Sie habe sich durchaus nicht alkoholisiert gefühlt. Andere Sünder würden der Polizei ständig entgehen. Derart uneinsichtige Aussagen hört die Richterin nicht gerne, aber den harten Forderungen der Staatsanwaltschaft schließt sie sich dennoch nicht an.

Es ist einer der Fälle, die am Beginn von Raymond Depardons Dokumentarfilm 10e chambre - Instants d'audience / 10. Pariser Strafgericht - Momente von Verhandlungen stehen. Im Schnellverfahren werden in diesem Gericht kleine, meist unspektakuläre Vergehen verhandelt: Taschendiebstähle, Drogendelikte oder auch Varianten häuslicher Gewalt. Fernab medialisierter Schauprozesse repräsentieren sie den Alltag dieser Einrichtung. Dass Depardon darin filmen durfte, ist, wie er in der Fachsprache meint, ein Präzedenzfall: Die Justiz arbeitet üblicherweise nur mit spezifischen Zeugen.

Der französische Filmemacher hat sich in seinen dokumentarischen Arbeiten immer wieder dem Inneren von Institutionen zugewandt: In San Clemente war es eine geschlossene Anstalt auf der gleichnamigen italienischen Insel, in Urgences die psychiatrische Notaufnahme eines Krankenhauses. Der Vorgängerfilm zu 10e chambre ist jedoch Délits flagrants, in dem es um erste Verhöre nach Strafdelikten geht. Michéle Bernard-Requin, die nunmehrige Richterin, war darin bereits als eine der Staatsanwältinnen zu sehen.

Prozessbeobachter

Ähnlich seinem US-Kollegen Frederick Wiseman ist Depardon dem Prinzip der unbeteiligten Beobachtung des Direct Cinemas verpflichtet, wenngleich er weniger orthodox vorgeht als dieser. Zwar übernimmt auch 10e chambre die Ordnung des Gerichts, wenn darin die unterschiedlichen Hierarchien in den Einstellungen strikt gewahrt bleiben. Doch Depardon arbeitet distinktiver mit Schnitten; es interessiert ihn nicht nur das Prozesshafte, sondern auch die Rolle der Einzelnen, die dann in ihrer Gesamtheit gesellschaftliche Zusammenhänge aufscheinen lassen.

Auffällig ist beispielsweise die Häufung von Kleinkriminellen ausländischer Herkunft. Die Kamera vor Gericht macht aus ihnen wieder Einzelschicksale. Menschen werden in sehr sachlicher Weise mit ihren Überschreitungen konfrontiert. Was in Erinnerung bleibt, sind weniger Delikte als spezifische Gesten und Verhaltensmuster: das schweigsame, ängstliche Gebaren eines jungen Mannes, der jahrelang seine Frau terrorisiert hat; oder ein sedierter Angeklagter, der ein Gewehr spazieren trug und nun überlaut ins Mikrofon spricht.

Es ist diese Ebene der Performanz, die 10e chambre eine beinahe soziologische Qualität verleiht: Wie in Foucaults Das Leben der infamen Menschen erfährt man hier von ruhmlosen Existenzen nur, wo sie mit der Macht - hier dem Gesetz - in Berührung kommen. Aber das Gesetz ist nicht anonymer Verwalter, sondern erhält hier ein sehr menschliches Gesicht. Denn die Richterin ist nicht nur oberste Instanz, sie stellt im Dialog mit den Angeklagten auch eine Schnittstelle dar.

Mit der Urteilsverkündung, die knapp ausfällt, mitunter zu Emotionen veranlasst, meist jedoch einfach hingenommen wird, schließt sich dieser Raum der Verhandlung wieder. Die Strafen, denen nach diesem Einblick etwas seltsam Abstraktes anhaftet, stehen am Ende dieses Austausches. Ein Austausch zwischen Welten, der, wie Depardon schreibt, meist ärmlich, fatalistisch und pathetisch ist.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.1.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

Ab Freitag, 14.1., im Stadtkino
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