"Auf jeden Pups das ORF-Logo"

4. April 2005, 11:29
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FM4 wird zehn - Ein "Ideal­fall" von Kultur­auftrag, findet "Music­box"- Veteran Walter Gröbchen im STANDARD- Interview

STANDARD: Hat FM4 den Musikgeschmack der jungen Österreicher verbessert?

Gröbchen: Ein Geschmackskanon ist immer subjektiv und mir persönlich eher suspekt, auch wenn schon die "MusicBox" als FM4-Vorläufer ihre Hörer auf einen solchen einzuschwören vermochte. Aber das Musikangebot und der Diskurs über Qualitätskriterien sind in zehn Jahren förmlich explodiert. Eine Volkshochschule des Herzens? Weniger pathetisch: Bei FM4 haben wir es mit dem Idealfall eines öffentlich-rechtlichen Programms mit Kulturauftrag zu tun, das dem moralischen Imperativ dieses Status gerecht wird.

STANDARD: Das sehen offenbar nicht alle so: Hat sich FM4 nach zehn Jahren von allen politischen Gelüsten zugunsten der Privatradios freigespielt?

Gröbchen: Ich hoffe doch. Gelegentliche Vorstöße von Pirker (Styria Medien AG mit Antenne Steiermark und Kärnten, Anm.) & Co., dem ORF die FM4-Frequenz wegzunehmen und stattdessen eines der stinklangweiligen Privatradios landesweit in den Äther zu blasen, waren und sind zu durchsichtig, plump und von eigenen Kommerzinteressen getrieben, als dass irgendjemand das ernsthaft ernst nehmen könnte. Und wenn es irgendein von "Visionen", also eher: Freunderlinteressen getriebener Medienpolitiker - gibt es in Österreich überhaupt welche? - doch wagen sollte, würde sich so mancher wundern, wie kreativ, hartnäckig, effizient Widerspruch der Konsumenten sein kann.

STANDARD: FM4 soll nicht stören, wenn es viele Junge nicht mit dem ORF in Verbindung bringen. Ist der ORF imageschädigend für FM4?

Gröbchen: Genauso wenig, wie FM4 imageschädigend für den ORF ist. Wenn aber jetzt irgendwelche Bürokraten auf die Idee kommen, auf jeden Pups übergreifend das ORF-Logo mit draufpappen zu müssen - von wegen "Identität", "Dachmarke" und so -, ist das wirklich Old School.

STANDARD: Warten wir auf Februar, wenn die neue ORF-Optik kommen soll. Welche Sendung in FM4 ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Gröbchen: Seltsamerweise ein Interview von Martin Blumenau mit André Heller in dessen Gartenhaus am Gardasee.

STANDARD: Liebste Sendung?

Gröbchen: "Projekt X". Oft zum Abwinken lachmuskelreizend.

STANDARD: Was stört an FM4?

Gröbchen: Es gibt doch einige weiße Flecken auf der musikalischen Landkarte, zum Beispiel World Music, zeitgemäßen Jazz, experimentelle Elektronik. Deren partielle Erkundung könnte auch auf und mit FM4 Spaß und Sinn machen. Aber da verweist der erhobene Zeigefinger wieder auf Ö1. Die logischen Brücken zwischen diesen beiden Sendern könnten mit dem Aussterben der sprichwörtlichen Hofratswitwen zwingender werden.

Aktuell geht mir der unerträgliche Pseudoreggae der Schweizer Ganglords ("Cha Nöt Dafür") auf FM4 mächtig auf die Socken. Aber wenn sich nicht ab und an die Haare aufstellen würden, wär's auch langweilig. (DER STANDARD; Printausgabe, 13.1.2005)

Zur Person

Gröbchen, 42, von 1981 bis 1993 Ö3-Redakteur, berät die Musikindustrie; Verleger, Publizist, Agentur Monkey. "Nicht unanstrengendes Naheverhältnis" zu FM4-Chefin Monika Eigensperger

Fragen stellte Doris Priesching.

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    foto: standard/urban
  • FM4 TV - aber nur einmal: Am 27. Jänner zeigt ORF 1 eine Toncollage des Teams zu den ersten zehn Jahren, Bilder dazu: David Schalko, Elisabeth Scharang. Im Szenenbild: Christian Davidek, FM4-Moderator und Produzent der Sendung.
    foto: fm4

    FM4 TV - aber nur einmal: Am 27. Jänner zeigt ORF 1 eine Toncollage des Teams zu den ersten zehn Jahren, Bilder dazu: David Schalko, Elisabeth Scharang. Im Szenenbild: Christian Davidek, FM4-Moderator und Produzent der Sendung.

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