"Zu Hause gibt es keine Arbeit für mich"

4. Februar 2005, 11:08
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Früher noch auf Ablehnung gestoßen, sind Saisoniers aus Ostdeutschland in Tirol jetzt gern gesehene Arbeitskräfte

St. Anton/Zams - Vor ein paar Jahren sind sie bei den Tiroler Hoteliers noch auf Ablehnung gestoßen, die Saisonniers aus Ostdeutschland. Doch nun arbeiten manche, wie Daniel Drawer, schon den dritten Winter in Österreich.

Drawer (31) kommt aus Malchin, südlich von Rostock. Er ist gelernter Maurer, vor vier Jahren ging die Baufirma, bei der er gearbeitet hat, pleite. Jetzt ist er schon die dritte Wintersaison als "Gastarbeiter" in St. Anton im gleichen Betrieb. Anfangs als Abwäscher angestellt, ist Drawer inzwischen in vielen Bereichen die rechte Hand seines Chefs, Robert Alber. Entlang einer Naturrodelbahn betreiben die Albers zwei Gaststätten. Drawer arbeitet überall mit, in der Küche, auf der "Rodelalm" auch als Kellner, er schaufelt Schnee, präpariert die Bahn. Täglich von 9 Uhr früh bis gegen 23 Uhr. Seltene freie Tage gibt es erst im Februar und gegen Saisonende.

Skifahren ist kein Thema

Von St. Anton bekommt er wenig mit. Skifahren ist für ihn kein Thema, gelegentlich ist er aber schon gerodelt. Mit seinen 1300 Euro netto im Monat bei freier Station ist Drawer sehr zufrieden. Dazu kommen an die 2500 Euro als Abgeltung für Überstunden am Saisonende. Ob es ein Problem sei, mehr als das halbe Jahr von seiner Freundin getrennt zu leben, kostet Drawer nur ein Achselzucken: "Zu Hause gibt es keine Arbeit für mich, also telefonieren wir und schicken Nachrichten."

Auf der Grundlage einer Kooperation des Arbeitsamtes Neubrandenburg mit dem AMS in den Bezirken Kitzbühel und Landeck waren erstmals vor drei Jahren 300 Arbeitskräfte per Bus auf die Reise nach Tirol geschickt worden. Wie viele es heuer sein werden, ließe sich nicht so genau sagen, betont der Landecker AMS-Chef, Franz Geiger. Denn inzwischen würde für die Jobs auch per Mundpropaganda geworben. Aber mindestens 300 aus der Ostseeregion würden im Bezirk arbeiten. Ihr größter Vorteil, so Geiger: Sie belasten als EU-Bürger nicht die knappen Saisonnierkontingente.

Ihre zweite Saison als Kellnerin im Viersternehotel Jägerhof in Zams verbringt die Neustrelitzerin Doris Hoffmann. Für die 49-Jährige eine ideale Ergänzung zu ihrem Kellnerinnenjob im Sommer daheim.

Geregelter Dienst

"Ich lebe seit 100 Jahren allein", skizziert sie ihre Lebensumstände zu Hause. Auch der 23-jährige Sohn wohnt schon lange mit seiner Freundin zusammen. Im Jägerhof hat sie eine geregelte Arbeitszeit und einen Tag in der Woche frei. Zu Weihnachten und zu Silvester arbeiten? "Das ist kein Problem", sagt sie mit Nachdruck. "Mir geht's gut, ich fühl mich wohl."

Als hürdenreich erweist sich noch immer die vermeintlich gemeinsame deutsche Sprache. Abgesehen vom Dialekt, gibt es vor allem bei den Bezeichnungen für Speisen große Unterschiede: "Was sind Schweinelendchen oder gar ein Zwiebelrostbraten?" (hs, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2005)

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