Riesenchance Türkei

22. Februar 2005, 16:02
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Mehrere Studien kommen zum Ergebnis, dass es rein wirtschaftlich zum Beitritt der Türkei keine Alternative gibt - Kommentar von Michael Moravec

Wer in den vergangenen Tagen und Wochen mit Managern und Wirtschaftspolitikern aus Japan und Südkorea über die Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei sprach, erntete zumeist verständnisloses Kopfschütteln. Von solch einer Chance eines neuen Marktes und billiger Produktionsstandorte könnte Japan derzeit nur träumen.

Während im Fernen Osten offensichtlich eher über Chancen geredet wird, zerbrechen sich die Europäer lieber den Kopf über die Risiken. Die Wahrheit steckt vermutlich in der Mitte. Rein wirtschaftlich gibt es aber zum Beitritt der Türkei keine Alternative, das ist das Ergebnis mehrerer Studien, die zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommen. Und sie legen den Verdacht nahe, dass sehr viele wirtschaftliche Argumente, die angeblich gegen einen Beitritt sprechen, völlig ungeprüft in den Raum gestellt werden, um ganz andere Vorbehalte zu kaschieren.

Da sind einmal die Kosten des Beitritts - sie liegen je nach Beitrittsbedingungen etwa dort, wo auch die Kosten der letztjährigen Erweiterungsgrunde lagen: bei einem bis zwei Hundertsteln der EU-Wirtschaftsleistung. Was dafür geboten wird, sind ein Markt von 70 Millionen Menschen und reiche Rohstoff- und Wasservorräte. Da die Türkei überdies keine kommunistische Vergangenheit hat, ist ihre Wirtschaftsstruktur mit Klein- und Mittelbetrieben schon heute deutlich "EU-konformer" als die von Bulgarien und Rumänien. Und das macht sich auch im Pro- Kopf-Einkommen bemerkbar, wo bereits der (deutlich wohlhabendere) Westen der Türkei das Niveau von Polen erreicht hat. Und immerhin ist steigender Wohlstand das beste Mittel gegen einen Rückfall in den Extremismus.

Die Türkei ist reifer für die EU, als es die EU (der Straches, Caps und Stadlers) für die Türkei ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2005)

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