Und dann natürlich die Frage der Schuld

11. Februar 2005, 15:54
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Gedanken über den Tsunami (III)- von Burkhard Müller-Ullrich

Da muss doch, wenn derart epochales Unheil über uns hereinbricht, irgendjemand "dran gedreht" bzw. versagt haben und infolgedessen auch irgendwie schuld sein? Diese triviale Frage war bei vielen die erste – oftmals uneingestandene – Reaktion auf die Schreckensnachrichten aus Südostasien, und sie wird die letzte sein, denn so ist der Mensch: Er braucht die Schuld, er sucht den Schuldigen, denn er versichert sich dadurch reflexhaft seiner eigenen Unschuld. "Selber schuld" – so lautet ja die kindische Entlastungsstrategie, mit der wir gern die Unerträglichkeit des Unvermeidlichen in den Rahmen irgendeiner vorgestellten Richtigkeit zu stellen suchen.

"Selber schuld" gilt aber nicht bei Erdbeben. Das musste selbst dem größten Wirrkopf klar sein, weshalb die Frage mit einer gewissen feuilletonistischen Leichtigkeit gleich an Gott weitergegeben wurde. So entstand in Medien, von denen man dies nicht gerade erwartet hätte, eine bizarre theologische Debatte, die sich in der Aporie des frühchristlichen Kirchenvaters Laktanz erschöpfte: Wenn der Allmächtige solches Leid nicht verhindern kann, dann ist er nicht allmächtig; und wenn der Allgütige es nicht verhindern will, dann ist er nicht allgütig.

Wie gerufen kommt da jene Deutung, die das kindische "Der andere ist selber schuld" zu einem masochistischen "Wir sind alle selber schuld" pervertiert. Es ist die Deutung, die in gewissen Umweltschützerkreisen Karriere macht: Klimaerwärmung, Treibhauseffekt, Wirbelstürme und Sintfluten sind nach dieser Auffassung nur die gerechten und erwartbaren Reaktionen einer im wahrsten Sinne wütenden Natur, gegen die wir uns durch Zivilisationsanstrengungen vergangen haben.

In der Tat vergeht kein Tag, an dem nicht in der öffentlichen Rede über das Desaster auch etwas von "Umweltsünden" durchklingt – und niemand äußert über diese schmählichen Versuche, politisch auf dem Tsunami zu surfen, die leiseste Empörung.

Naturschutz von der radikalen Art, die dem Fortschritt alle Übel zuschreibt, bedeutet für die Dritte Welt seit Langem, dass sie sich besser nicht entwickeln solle. Keine Siedlungen am Meer, kein Aufschwung durch Tourismus, keine Energie fressende Infrastruktur wie in Europa und Amerika: Das ist der zynischste Traum, den manche Europäer und Amerikaner von umweltschutzgerechten Paradiesen in Südasien träumen, zu denen sie dreimal im Jahr mit Billigfliegern düsen.

Wenn aber solche Naturparadiese von der Natur zerstört werden und gar kein menschlicher Effekt dafür verantwortlich gemacht werden kann, dann ist die Schuldfrage zumindest in versicherungstechnischer Hinsicht bedeutungslos: Der wirtschaftliche Schaden bleibt gering, weil die Leute sowieso arm sind. – Beruhigend?Ende der Serie

Nachlese

Teil 1 und 2 der Kurzserie er- schienen am 8.1.: Vom Nutzen der Bildung beim Anblick des Meeres
und 10.1.: Die Verseuchung der Bilder
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