Wachstumsmotor der Zukunft

24. Mai 2005, 19:38
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Inflation, Wachstum und Kaufkraft der Türkei unterscheiden sich kaum mehr von den EU-Kandidaten Rumänien und Bulgarien, argumentieren Experten der BA-CA

Wien – Die Europäische Union würde von einem Beitritt der Türkei wirtschaftlich profitieren. Die damit verbundenen Kosten wären nicht höher als die der letzten EU Erweiterung 2004, sagten Willi Hemetsberger, Vorstandsdirektor der Bank Austria Creditanstalt, und Simon Quijano-Evans, BA-CA-Türkei-Analyst, am Dienstag.

Investition

"Man muss den EU-Beitritt der Türkei als Investition betrachten. Dann muss man sich fragen, ob man sich diese Investition leisten kann", meinte Hemetsberger. Laut Berechnungen der BA-CA würde der EU-Beitritt der Türkei in den ersten Jahren je nach Beitrittsbedingungen zwischen elf und 35 Mrd. Euro kosten, höchstens also 0,2 Prozent des EU- Bruttoinlandsproduktes (BIP). Das entspreche etwa den Kosten für die zehn neuen EU-Mitglieder, die zusammen etwa so viele Einwohner wie die Türkei haben, so Quijano-Evans.

Im Dezember entschied die EU, dass im Oktober 2005 Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufgenommen werden. Gleichzeitig wurde beschlossen, dass Rumänien und Bulgarien 2007 voraussichtlich der EU beitreten werden. Pro Kopf verdiene ein Türke im Schnitt aber mehr als ein Rumäne oder Bulgare, so die BA-CA. Etwa die Hälfte der Türken, besonders in der westlichen, stark industrialisierten Region Marmara, in der auch Istanbul liegt, verdienten schon fast gleich viel wie die Polen. Auch das geschätzte BIP-Wachstum von rund sechs Prozent entspricht in etwa den Prognosen für Rumänien und Bulgarien. Offiziell arbeitet derzeit noch ein Drittel der Türken in der Landwirtschaft. Bedenkt man aber, dass derzeit rund ein Drittel des türkischen Bruttoinlandsproduktes aus der Schattenwirtschaft kommt, sei der Anteil wesentlich geringer, so die Experten.

Vorteil Vergangenheit

Gegenüber Rumänien und Bulgarien habe die Türkei den Vorteil, dass sie keine kommunistische Vergangenheit habe, sondern bereits eine Privatwirtschaft mit Klein- und Mittelbetrieben besitze, meinte Hemetsberger. Ausländische Investitionen würden dadurch besser greifen. 2004 flossen rund zwei Mrd. Dollar an Direktinvestitionen ins Land, doppelt so viel wie 2003. Auch 2005 rechnet die BA-CA mit einer Verdoppelung, besonders im Elektronikbereich. Das Vertrauen der Investoren würde in erster Linie durch den harten Reformkurs der türkischen Regierung gestärkt, so Hemetsberger. Dieser bewirkte, dass die türkische Inflation, die 2002 noch bei rund 40 Prozent lag, auf derzeit neun Prozent sank und damit etwa gleich hoch wie in Rumänien ist. Bis 2007 könnte sie sich bei vier Prozent einpendeln.

Sollte die türkische Regierung ihre restriktive Fiskal- und Geldpolitik fortsetzen, könnte die Verschuldungsrate in den nächsten vier Jahren auf 60 Prozent reduziert werden. Die Türkei würde damit den Maastricht-Kriterien entsprechen, die die Grundlage für den Euro bilden.

Außerdem würde die Türkei die EU deutlich verjüngen. Bis 2025 steige der Altersdurchschnitt der Türken von 25 auf 33 Jahre, in Deutschland erhöhe er sich von 40 auf 48 Jahren. "Unter derzeitigen Voraussetzungen kann die EU mit den USA in Zukunft nicht konkurrieren", meint Quijano-Evans. "Die EU braucht die jungen türkischen Arbeitskräfte." 2025 würde die Türkei in einer auf 29 Länder erweiterten EU rund 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Strategisch wichtig für die EU wären zudem die riesigen Wasservorräte der Türkei sowie die Tatsache, dass künftig Öl- und Gaspipelines über die Türkei verlaufen werden.

Risiken

Risikofaktoren für den Weg in die EU seien die politische Stabilität und die strikte Einhaltung des wirtschaftlichen Reformkurses, meinte Hemetsberger. 2005 werde ein wichtiges Jahr für Privatisierungen, wie etwa die Turk Telecom oder Tekel Tobacco. "Wenn die Regierung den Reformkurs einhält, kann die Türkei sogar für einige EU-Regierungen als Vorbild gelten." (Nadja Hahn, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2005)

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    Verjüngung durch Erweiterung: 2025 würde die Türkei in einer auf 29 Länder vergrößerten EU rund 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

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