Das neue Chinarestaurant am Eck

24. April 2008, 16:23
3 Postings

"Tien Tsin": Jun Yang und Ngo Dong nahmen sich nach "Ra'mien" und "Ra'an" nun des gastro­nomischen Tabu-Themas "China­restaurant" an

Es sei die größte Herausforderung seiner bisherigen Lokalgründungs-Laufbahn gewesen, meint Jun Yang. Die Tatsache, dass das klassische Chinarestaurant aber jeder irgendwie kennt, war die Chance, so Jun Yang, dieses Thema einmal wiederzubeleben. "Was würde die Stadt bereichern?", überlegte er sich, und da das alte Chinarestaurant "Tien Tsin" in der Ramperstorffergasse - eins der ältesten seiner Art in Wien - erstens seiner Familie gehört und zweitens ohnehin eine gründliche Renovierung brauchte, lag die Sache gewissermaßen auf der Hand.

"Keine Sushis, keine Currys" und auch keine vielleicht authentischere China-Küche, sondern die "Klassiker" wie "acht Schätze", "knusprige Ente", "süß-saures Schweinefleisch" und "Rindfleisch Chop Sui" sind das Thema. Mittags gibt es nummerierte Menüs und Buffet, die Portionen sind riesig und billig, "wir wollen alles andere als ein schicker Chinese werden. Im Museumsquartier oder beim Naschmarkt hätte die Sache sicher einen anderen Impact, hier sind wir nicht im Mittelpunkt, und das gehört auch zum Projekt".

Dennoch eröffneten Jun Yang und Ngo Dong nicht einfach, sondern überlegten sich, "was das Typische am klassischen Chinarestaurant ist" und kamen auf die Regale mit den eigenartigen Asia-Devotionalien hinter der Theke, das Aquarium und die bunte Decke. Letztere hatte das alte "Tien Tsin" schon in den 80er-Jahren bekommen, die durfte bleiben, die Regale wurden flächendeckend angebracht, Tische ließ man sich extra bauen, die Sessel fand Jun in einer Schule in Freiburg, sie wurden mit chinesischen Pölsterchen versehen. Die Ironie spielt jedenfalls keine geringe Rolle im "Tien Tsin" ebenso wie ein etwas selbstbewussterer Umgang mit chinesischer Identität: Auf den Tischsets und an den Klotüren lernt man ein bisschen Chinesisch.

Und abgesehen davon, dass ohne Glutamat gekocht wird, hat hier zu essen auch mit Humor zu tun

Die süß-saure Hühnersuppe war ungefähr genauso dick und gallertig (Kartoffelstärke!) wie gewohnt, war allerdings interessanter gewürzt und besser. Die Frühlingsrolle hatte das Format einer Handtasche, voll mit frischem Kraut und Faschiertem, sehr heiß, wie's gehört, und leider auch etwas fett; knusprige Ente äußerst gut, ganz zart und ganz knusprig (€ 5,80), die "acht Schätze" - die berüchtigte Mischung aus Rind, Schwein, Huhn, Bambus, Erdnüssen, Paprika und noch mehr - schmeckte aufgrund feinerer Zutaten zwar besser als bei Vergleichs-Chinesen, wirklich toll aber immer noch nicht (€ 5,60); abends gibt es eine kleine Karte, die alle zwei Monate gewechselt wird.

Das "Tien Tsin" ruft einem also auf jeden Fall ein paar Gerichte in Erinnerung, die es wirklich nicht wert sind, zugunsten von Lachs-Sushis oder grünem Curry völlig vergessen zu werden. Und abgesehen davon, dass ohne Glutamat gekocht wird, hat hier zu essen auch mit Humor zu tun. (Der Standard/Florian Holzer/29/10/2004)

Tien Tsin
Ramperstofferg. 47
1050 Wien
Tel. 01/544 57 51
tägl. 11.30-14.30
18-23 Uhr
  • Artikelbild
Share if you care.