"Pfui Teufel!"

11. Februar 2005, 15:54
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Opernball absagen? Miguel Hertz-Kestranek: Es wird edel geheuchelt, dass sich nicht nur die politischen Balken biegen

So ein Tsunami, oder wie das Ding heißt, das da bei den Dings, bei den Phili- nein, den Srilankesern, äh, den Sumatralesen, und bei den Dings, den Indern, so schrecklich gewütet hat, nein furchtbar, ja also so ein Dings – das hat's schon in sich. Diese armen Länder! Nein, nein, natürlich auch diese armen Einheimischen! Aber halt – da waren ja auch – ja, da waren wirklich – nein, bitte lieber Gott, das ist ja ein Wahnsinn – da waren ja auch Unsrige! Wie kannst du uns so grausam strafen, Gott? Was haben wir getan? Wir haben doch Entwicklungshilfe gegeben. In Promillehöhe? Ja, mehr geht halt nicht, sorry. Und dann haben wir die da unten doch ohnehin zu Millionen besucht. Als Billigtouristen? Mein Gott, für die Preispistole, die ihnen vorher auf die ärmliche Brust gedrückt wurde, können wir wirklich nichts. Wir sind immerhin hingeflogen. Sicher und behütet, weil für Milliarden sicherheitsgecheckt gegen Terrorismus und sonstiges Gesindel? Und genauso hätten wir zum Beispiel denen da unten Warnsysteme spendieren sollen? Ja, aber wovon? Wir haben ja selbst nichts. Deshalb müssen wir ja so billig Urlaub machen. Was für eine Verantwortung? Das war eine Naturkatastrophe, bitte!

Roter Rassismus

Es wird edel geheuchelt, dass sich nicht nur die politischen Balken biegen, es hetzen die Promis von einem Spendenaufruf-Schlagerpoprockgedichte-Event zum anderen, es boulevardet die Journaille, dass die Computer rauchen; und die TV-Kamera zeigt verfärbte Haut am aufgeblähten Leichenbauch in bester Farbqualität rund um die Uhr.

Und in der Wechselstube für politisches Kleingeld im Hoamatl? Da geht's zu wie eh und je. Von dort wird klargemacht, wie man solchen Katastrophen mit aufrechtem Gang begegnet: Mit einer (!) Ballabsage. In Erinnerung an Naturkatastrophen nur der vergangenen Jahre oder an Ruanda oder an Darfour: Wie viele weiße Tote braucht es für eine Betroffenheit, die zur Ballabsage aufrufen lässt, und wie viele farbige Tote darf es geben, bevor das geschieht?

Brauner Rassismus, einfach gestrickt und offen gegrölt, ist widerwärtig, aber eine bekannte Größe. Roter Rassismus, unterschwellig, weil in Gutmensch-Verpackung, ist widerwärtiger, weil bis jetzt unbekannt. Pfui Teufel. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.1.2005)

Miguel Hertz-Kestranek, Schriftsteller und Schauspieler, lebt in Wien.

Variante eins

Tanzen sie, Herr Gusenbauer! - Kommentar der anderen von Hermann Major

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