Zeitbombe Aceh

11. Februar 2005, 15:54
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In der indonesischen Provinz sind manche Gebiete auch zwei Wochen nach der Katastrophe noch von jeder Hilfe abgeschnitten

In der indonesischen Provinz Aceh am Nordzipfel Sumatras, die vom Tsunami am schwersten heimgesucht wurde, sind manche Gebiete auch zwei Wochen nach der Katastrophe noch von jeder Hilfe abgeschnitten. Das liegt vor allem an dem inzwischen fast dreißigjährigen Bürgerkrieg in der Region. Eine radikalislamische Guerillabewegung will die Unabhängigkeit erkämpfen. Die von Jakarta angebotene Teilautonomie samt Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, ist ihr zu wenig. Unter dem Eindruck der Flutkatastrophe hatten die indonesische Armee und die Rebellen einseitige Waffenruhen ausgerufen. Staatschef Susilo Bambang Yudhoyono rief "meine Brüder, die noch Waffen in der Hand haben" auf, "unser geliebtes Aceh wieder aufzubauen".

Aber der beiderseits bekundete gute Wille hielt nicht lange an. Inzwischen werden bereits wieder bewaffnete Zusammenstöße gemeldet. Zugleich werden starke neue Armeeeinheiten nach Aceh verlegt. Noch ist nicht klar, ob es sich nur um einen Ersatz für jene an den Küsten stationierten Truppen handelt, die in der Flut umkamen, oder ob Jakarta seine Militärpräsenz im Windschatten der Katastrophe massiv verstärkt und auch die Hilfsmaßnahmen unter politischen Aspekten steuert.

Sollte Letzteres zutreffen, dann wäre dies ein höchst gefährliches Spiel. Islamische Prediger in Aceh nennen den Tsunami eine Strafe Gottes und verweisen darauf, dass viele Moscheen den Fluten standgehalten haben. Die islamistischen Rebellen und vermutlich auch Terrornetzwerke nach Art von Al-Kaida erhielten unweigerlich neuen Zulauf, wenn die Bevölkerung den Eindruck bekäme, sie werde nach der Katastrophe nun durch mangelnde oder selektive Hilfe ein zweites Mal bestraft. Aus humanitären wie aus geopolitischen Gründen verdient Aceh daher die höchste Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft. (Josef Kirchengast/DER STANDARD; Printausgabe, 10.1.2005)

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