Tourismus ist (auch) Krieg

11. Februar 2005, 15:54
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Kollateralschäden der Flutkatastrophe: Ignoranz und erbärmlicher Zynismus

So genannte "Urlaubsparadiese" machen sichtbar, warum eine emanzipierte Gesellschaft, von wenigen Ewiggestrigen abgesehen, es nicht mehr nötig hat, anderen ihren Willen mit militärischer Gewalt aufzuzwingen. Tourismus ist auch Krieg - nur effizienter. Er zerstört Meeresstrände, Gletscher, Flusslandschaften, Dorfgemeinschaften . . ., alles was original ist: Kulturen, Seelen, Würde.

Nun hat man offensichtlich eine Schlacht verloren. Sie sei, sagt man, die bisher größte, seit der Mensch über Katastrophen dieser Art Buch führt. Zugleich ist sie aber nur ein schwacher Nachklang dessen, was sich in vorhistorischer Zeit abgespielt hat: Man stelle sich jene Katastrophenschlacht vor, die unsere Welt ins Universum geschleudert hat! Zugeordnete Thinktanks helfen unserer Imagination bei Bedarf gerne auf die Sprünge und sind wohl nicht grundlos besorgt, dass Spraydosen und Abgase unserem Planeten Ähnliches bescheren könnten.

Zum fixen "Inventar" von Naturkatastrophen gehört aber anscheinend nicht nur die Verniedlichung, sondern auch die melodramatische Eruption: Da wirbt ein Nachrichtensender um Spenden, in dem eine Frau weinend klagt, dass sie eine Türe nicht aufgebracht hätte (was ihr letztlich aber doch gelungen sein muss), und ist "eindringlich" genug, durch oftmalige Wiederholung inklusive beigemischter Umflutung durch einen Billigklangteppich der Fertigteilmusikindustrie die Szene zu einer peinlichen Farce werden zu lassen, die einen geradezu gegen diese Frau einnimmt.

Empörung

Da werden tote Badegäste mit militärischen Ehren im Heimatland empfangen, und niemand fragt, warum solche Inszenierungen nicht auch den Opfern anderer "Schicksalsschläge" (Verkehrsunfall, Hotelbrand) zuteil werden.

Da hat sich eine Moderatorin nun schon tagelang bis an die Grenzen ihrer Schauspielkunst ergriffen gezeigt und kann sich anlässlicher einer "einschlägigen" Idee eines Tennisprofis (den sie als originell bezeichnet) endlich des Ausdrucks von schmunzelnder Vorfreude nicht erwehren, weil er angeboten hatte, für jedes geschlagene Ass in einem der anstehenden Tourniere hundert Euro für die Flutopfer zu spenden! Da ist der Papst (freilich gestützt auf eine inzwischen zweitausend Jahre alte Tradition) nachgerade zu loben, der ganz ohne Maßgabe des Spielglücks dazu aufgefordert hat, alle Opfer (also auch Andersgläubige) solidarisch ins Gebet einzuschließen.

Gibt es denn niemanden, der meine Empörung über diese erbärmlich zynischen Arten es Totengedenkens teilt, frage ich mich verwundert angesichts jener Spendenflut, mit der man allen Thais (man bedenke den Umrechnungskurs westlicher Währungen in diesen Regionen) für Generationen wieder jenes Paradies zurückgeben könnte, aus dem sie vertrieben wurden - wäre da nicht die Idee, mit diesem Geld just die vorsintflutlichen Vertreibungs- und Vergewaltigungsstrukturen wieder aufzubauen: die gleichen Hotels (diesmal vielleicht nur noch luxuriöser und mit wasserdichter Tsunami-Ausblickterrasse versehen), umsäumt von den gleichen Wellblechhütten, in denen die Einheimischen die Restposten ihrer verlorenen Kultur und ihrer verlorenen Seelen verscherbeln - vom Devotionalien- bis zum Menschenhandel.

Der Tsunami hat auch die Sprache nicht verschont

Angesichts des Leidens der zigtausenden Opfer dieser Katastrophe hätte ich gedacht, dass man den Tourismus - nein, nicht prinzipiell, wohl aber in seiner schmutzigsten und erniedrigendsten Ausformung, infrage stellen würde.

Stattdessen überlegt man, wie man bei der nächsten Katastrophe Geld und Hilfsgüter schneller "vor Ort" schaffen kann - um ein dieser Tage mit enervierender Frequenz strapaziertes Modewort zu verwenden. "Vor" Ort und nicht "in" den Ort!? - Der Tsunami hat auch die Sprache nicht verschont. (DER STANDARD; Printausgabe, 10.1.2005)

Von Otto M. Zykan.

Der Komponist und Autor lebt in Wien.

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