Ein Teufelskerl als Angstbündel

25. Februar 2005, 19:34
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Leonardo DiCaprio im STANDARD-Interview nach der Galapremiere von Martin Scorseses "The Aviator" in Berlin

Berlin - Ein schlaksiger junger Mann, der betont locker Tramezzini verspeist, anstatt Interviewfragen zu beantworten: Als Leonardo DiCaprio 1997 vor dem US-Start von Titanic auf beispiellose Weise zum ultimativen Jungstar hochgefeiert wurde, war seine erste Reaktion: Irritation. Selbstschutz. Ein Jahr Pause. Als er 2000 mit The Beach als Hauptdarsteller auf die große Leinwand zurückkehrte, sah er wohl endgültig, was man ihm eingebrockt hatte: einerseits ungebrochen hysterische Fans, andererseits Kritiker, die ihn als "überschätzt" zu entlarven suchten.

DiCaprio ging auf ungewöhnlich sture Weise seinen eigenen Weg und setzte geradezu offensiv auf riskante Projekte: Martin Scorseses Gangs of New York konnte auch er nur bedingt "retten". Bereits in Steven Spielbergs Catch Me If You Can konnte er aber sein Potenzial voll ausspielen: Ähnlich wie einst Warren Beatty, Paul Newman oder Robert Redford verbindet der heute erst 30-Jährige ein ungewöhnlich fotogenes Äußeres mit beträchtlicher künstlerischer Ambition.

The Aviator, die zweite Zusammenarbeit mit Scorsese, kürzlich mit Golden-Globe-Nominierungen überhäuft und wohl auch ernst zu nehmender Oscar-Favorit, markiert nun die dritte Stufe in Di Caprios Karriere. Das epische Bio-Pic über den exzentrischen Milliardär, Filmproduzenten und Flugpionier Howard Hughes (1905-1976) entstand auf intensives Betreiben des Darstellers, der den Film zuerst eigentlich mit Michael Mann (The Insider) realisieren wollte . . .

STANDARD: Es heißt, Sie seien seit Kindheitstagen von Hughes fasziniert - warum?

DiCaprio: Mir schien er immer wie ein altertümlicher Prinz, ein antiker Held - und dabei ereigneten sich sein Aufstieg und Fall vor nicht einmal einem Jahrhundert. Er war Amerikas erster Milliardär, gleichzeitig als Filmemacher, Flieger und Casanova zu jedem Risiko bereit: ein Astronaut seiner Zeit. Das heißt: Geschwindigkeitsrekorde, aus Wracks aussteigen und wieder mit neuen Flugzeugen losstarten, das Studiosystem unterwandern, sich jeden erdenklichen Lebenstraum erfüllen - und gleichzeitig: von unerklärlichen Phobien verunsichert, immer am Rande zum Wahnsinn. Ein faszinierender Charakter.

STANDARD: Man könnte Hughes als Steigerung des auch nicht gerade normalen Millionärs William Randolph Hearst und damit "The Aviator" als Fortschreibung von Orson Welles' "Citizen Kane" interpretieren. Was, meinen Sie, ist da an gesteigerter Verstörung, die ja auch symptomatisch ist für die Selbstinszenierungen und für den American Dream des 20. Jahrhunderts, passiert?

DiCaprio: Hughes soll in der Tat auf vielen Hearst-Partys herumgehangen sein. Seine Geschichte ist nur, wenn man schon einmal von Welles' Troubles mit dem Hearst-Imperium absieht, fast noch schwieriger zu verfilmen. Die diesbezüglich nicht zustande gekommenen Projekte - das von Warren Beatty zum Beispiel - sind ja Legende.

STANDARD: Liegt es daran, dass es besonders schwierig ist, Geld für ambivalente Filme über Geld aufzustellen?

DiCaprio: Gut möglich. In diesem Fall hat es aber wohl vor allem damit zu tun, dass sich Hughes nach einem luxuriösen, glamourösen Leben, das man auch mit dem nötigen Aufwand darstellen muss, völlig isolierte. Da stößt man dann mit dem ganzen Aufwand in ein schwarzes Loch und hat gegenüber Finanziers einen schweren Stand: 100 Millionen Dollar Budget für einen Film, der hauptsächlich davon erzählt, dass jemand immer mehr die Kontrolle über seine seelischen Defekte verliert - das gestehen einem Studios nur selten zu, heute weniger denn je. Insofern ist The Aviator wirklich eine rare Ausnahme.

STANDARD: Sie mussten sich für die Rolle ja ein paar sehr interessante Defekte aneignen.

DiCaprio: Ja, vier Tage habe ich mit einem Mann verbracht, der an Virenphobie litt. Und dann war Hughes auch auf einem Ohr taub, wagte es aber niemandem zu sagen. Wenn man so einen Typen erfinden würde - das Drehbuch würde einem sofort zurückgeworfen! Da ist einer, der wirklich jede Schönheit verführt, sich in jedes Hochgeschwindigkeitsflugzeug setzt und dann ist er nicht imstande zu sagen: "Sorry, ich habe leider nicht verstanden, was Sie sagten."

STANDARD: Nach "Gangs of New York" und "Aviator" drehen Sie demnächst "The Departed", den dritten Film mit Martin Scorsese. Schon vergleicht man Sie mit dem einstigen Dauerpartner des Regisseurs, mit Robert De Niro.

DiCaprio: Na ja, das ist alles sehr ehrenwert, und ich bin durchaus eitel genug, solche Vergleiche gerne zu hören. Aber das, was Scorsese und De Niro in den 70er- und 80er-Jahren vorlegten - denken Sie nur an Taxi Driver und Raging Bull! -, ist eine Größe für sich.

STANDARD: In Ihrem ersten Film "This Boy's Life" spielten Sie De Niros Sohn - was haben Sie von ihm gelernt?

DiCaprio: Konzentration auf einem Filmset. Man muss dabei gewesen sein, um zu wissen, wie das ist: Überall am Set scherzen und diskutieren die Teammitglieder, plötzlich betritt De Niro den Raum, und von einer Sekunde auf die andere könnte man eine Stecknadel fallen hören.

STANDARD: Anders als De Niro werden Sie, nicht zuletzt durch "Titanic", wie ein Popstar gefeiert und umzingelt. Wenn Sie für Katastrophenopfer in Thailand spenden, weiß es eine Stunde später die ganze Welt. Tun sich da nicht schmerzhafte Beschränkungen auf?

DiCaprio: Es wäre ziemlich kokett, wenn ich jetzt vor Ihnen herumlamentieren würde. Es gibt, wenn wir schon Südostasien erwähnen, Leute auf diesem Erdball, die definitiv größere Probleme als ich haben, ihr Leben zu meistern.

STANDARD: Können Sie als Superstar, der permanent im medialen Kreuzfeuer steht, Hughes' Hang zur Selbstisolation nachvollziehen?

DiCaprio: Klar doch. Obwohl Hughes' Waschzwang, seine permanente Paranoia, sich mit irgendwelchen absurden Krankheiten zu infizieren, seine sprichwörtliche Berührungsangst - von solchen Leiden bin ich nicht geplagt. Ich habe auch immer auf meinem Recht bestanden, einfach ich zu sein und alles tun zu können, was ich will. Dafür benutzen die Medien dann so öde Klischees wie "Rebell". Was musste ich nicht schon über Eskapaden lesen, die ich gar nie erlebt hatte!

STANDARD: Der frühe Ruhm nach "Titanic" - sehen Sie ihn im Nachhinein eher als Fluch?

DiCaprio: Nein, nein, das hatte schon auch positive Seiten. Mir hat Titanic unschätzbare Unabhängigkeit verschafft, davon abgesehen, dass der Film auf wirklich unfassbare Weise sämtliche kulturellen Schranken hinter sich ließ. Es ist schon seltsam, wenn man im brasilianischen Regenwald auf nackte Indianer trifft, die einen auf Titanic ansprechen.

STANDARD: In Frankreich wiederum wurden Sie kürzlich auch hoch dekoriert . . .

DiCaprio: Ja, man ernannte mich zum Kavalier, Chevalier, äh, wie heißt das jetzt . . .? (lacht) Irre, oder?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 1. 2005)

Die irrwitzige Erfolgsgeschichte des US-Milliardärs Howard Hughes spielt nun in Martin Scorseses "The Aviator" ein Superstar, der selbst die Tücken des Erfolgs zur Genüge erfahren hat: Leonardo DiCaprio.

Das Interview führte Claus Philipp.

Zur Person
"Eigentlich wollte ich anfangs nur vor Freunden und Familienmitgliedern glänzen. Ich ahnte gar nicht, dass man von Schauspielerei leben kann!" - Leonardo DiCaprio, Autodidakt, 1974 in Hollywood geboren, startete dennoch bereits 1988 in TV- und Werbefilmen. 1993 folgte auf ein Kinodebüt an der Seite von Robert De Niro (This Boy's Life) die erste Oscar-Nominierung für Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa. In Baz Luhrmans Romeo und Julia (1996) blitzten schließlich jene Superstar- qualitäten auf, die dann mit Titanic (1997) in einer beispiellosen DiCaprio-Mania gipfeln sollten - was wiederum den Schauspieler dazu bewog, in Hinkunft den obligaten, glatten Hollywood-Mainstream zu meiden. Leonardo DiCaprio dreht nach The Aviator auch seinen nächsten Film mit Martin Scorsese: Der Polizistenthriller The Departed wird ein Remake des Hongkong-Superhits Infernal Affairs sein.

In Österreich startet "Aviator" am 20. Jänner.
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