Die Tyrannei des Zufalls

21. März 2005, 15:48
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Wieso müssen Millionen unschuldiger Menschen unendlich leiden? Was hätten wir wissen müssen, was hätten wir tun können? Zufall - nach Herder der "größte Tyrann der Erde" - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Zufall ist das unberechenbare Geschehen, das sich unserer Vernunft und unserer Absicht entzieht." Gerade die Brüder Grimm lieferten uns in ihrem Wörterbuch die wohl treffendste, wenn auch kühle Definition dessen, was uns gerade in diesen Tagen nach der Tsunamikatastrophe mit Machtlosigkeit und Verzweiflung konfrontiert.

Wieso müssen Millionen unschuldiger Menschen unendlich leiden? Was hätten wir wissen müssen, was hätten wir tun können? Zufall - nach Herder der "größte Tyrann der Erde" - hat hier sein hässlichstes Antlitz gezeigt und einmal mehr die Jahrtausenddebatte um das "Paradox des Fortschritts" angeheizt: Je tiefer die wissenschaftlichen Erkenntnisse, je komplexer die auf ihnen aufbauenden Techniken und je vernetzter die sozialen Systeme, desto heftiger der Schock, wenn die Grenzen des Berechen- und Kontrollierbaren in einem "Zufalls-"Ereignis schlagartig sichtbar werden.

"Zufälle" häufen sich immer mehr

Es ist wohl kein Zufall, dass sich die "Zufälle" immer mehr häufen, wie die Versicherungsstatistiken dramatisch zeigen: Von den 44 Naturkatastrophen, die in den USA Schäden von mehr als einer Milliarde Dollar verursacht haben, ereigneten sich acht zwischen 1980 und 1990 - und 36 (!) im Zeitraum zwischen 1990 und 2000. Eine Entwicklung, auf die das menschliche Gehirn (und Gefühlsleben) denkbar schlecht vorbereitet ist: Menschen suchen - nicht nur seit der Aufklärung - selbst dort nach einer Deutung, wo es aussichtslos erscheint.

Ohne diese deterministische Triebfeder hätten weder Newton noch Gauss, Einstein oder Freud ihre bahnbrechenden Gesetze erkennen können. Aber gerade im Sinne der "Dialektik der Aufklärung" wird der Umgang mit dem Ungewissen immer wichtiger:

  • 1. Intuition vs. Interpretation: Im Seebeben sind kaum Tiere zu Tode gekommen, ihr Instinkt hatte sie rechtzeitig gewarnt. Ein englisches Mädchen, das im Schulunterricht das Tsunamiphänomen u.a. mit Videobildern kennen gelernt hatte, konnte mehrere Menschen warnen und retten.

    Sehr komplexe, unerwartete Situationen können oft nur "intuitiv" erfasst werden, oder wenn zumindest Teile davon vertraut sind, um in Bruchteilen von Sekunden reagieren zu können. Elemente der Intuition (auch im Unternehmensalltag) zu bewahren und Extremszenarien durchzuspielen kann entscheidend helfen.

  • 2. Achtsamkeit vs. Systemgläubigkeit: Frühwarnsysteme sind hilfreich, so sie installiert sind - und vor allem vom Menschen richtig gehandhabt werden. Beispiel Tschernobyl: Damals versagten nicht die multiplen Sicherheitssysteme, sondern die Menschen, die sie missachteten. Systeme werden aber zur Gefahr, wenn sie die Wahrnehmung ersetzen. Beispiel Concorde: Als im Cockpit die Feuerwarnung aufleuchtete, spie die Turbine zwar Feuer, brannte aber nicht. Der Pilot schaltete "systemkonform" sofort das Triebwerk ab. Die Maschine geriet aus dem Gleichgewicht und stürzte ab - 109 Menschen starben.

    Der Organisationspsychologe Karl E. Weick hat in Studien zu "High Reliability Organizations" wie Atomkraftwerken und Chipfabriken herausgefunden, dass vor allem die "Haltung der Achtsamkeit" - d.h. das intensive Leben im Augenblick, das Aktivieren aller fünf Sinne, das gemeinsame Erleben von Zwischenfällen und das ständige Aktualisieren von Erklärungs- und Deutungsmustern - dazu verhilft, Fehlentwicklungen schneller zu deuten und zu korrigieren.

  • 3. Vernetzung vor Alleingang: Gute Risikomanager setzen vor allem auf Menschen und die soziale Architektur und Vernetzung im Unternehmen - statt nur auf Systeme. Je besser die Koordination der unterschiedlichsten Akteure und ihrer Einsätze gelingt, umso höher der Wirkungsgrad der Hilfsmaßnahmen. Funktionierende politische und zivilgesellschaftliche Netzwerke - Frauen spielen hierbei eine bedeutende Rolle - sind für de Bewältigung unerwarteter Ereignisse und Katastrophen im Wettlauf mit der Zeit entscheidend.

    Zufälle gelten als gnadenlose Triebkraft der Evolution. In einer verunsicherten Gesellschaft - zwei Drittel aller Westeuropäer glauben, dass die nächste Generation in einer weniger sicheren Welt leben wird - kommt es zunehmend auf unser kollektives Talent im Umgang mit dem Unvorhergesehenen an. Dabei hilft jene Haltung, die Louis Pasteur so treffend beschrieben hat: "Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist." (Der Standard, Printausgabe, 08.01.2005)

  • Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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      foto: bcg
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