"Gift-Cocktails" verseuchen Wasser und Böden über Jahre

16. Februar 2005, 11:34
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Brunnen sind 45 Tage nach rigorosen Entkeimungs- und Sicherungsmaßnahmen wieder benutzbar

Wien - Nach der Flutkatastrophe in Südostasien werden die Böden und damit das Grund- und Trinkwasser nach Expertenansicht noch für Jahre großflächig verseucht sein. Keimgefahr besteht nach Säuberung und sicherer Abdichtung von Brunnen gegenüber kontaminierten Grundwasserströmen nach etwa 45 Tagen nicht mehr.

"Der Abbau etwa von Dieselöl dauert endlos, wenn es einmal im Erdreich ist", betonte DI Karl-Heinz Büchl, Österreich-Chef der Firma Berkefeld, die u.a. jene Trinkwasseraufbereitungsanlage geliefert hat, die von einem Team des Bundesheeres in Sri Lanka aufgestellt wurde. "Kohlenwasserstoffe halten sich im Mikrogrammbereich jahrelang. Die Bakterien, welche die Stoffe abbauen, müssen sich großteils ja überhaupt erst bilden. Der 'Verbrauch' an Kohlenwasserstoffen geht sehr langsam, das dauert sicher Jahre", erläuterte der Fachmann. Und wegen der riesigen betroffenen Flächen kommt eine Beseitigung von kontaminierten Bödenschichten wohl nur sehr punktuell in Betracht.

Verseuchungen durch Fahrzeuge und Notstromaggregate

Die Verseuchungen stammen nicht nur aus den Fahrzeugen, die weggespült und teilweise zerstört wurden, sondern beispielsweise auch aus den - viel größeren - Tanks, die Hotels für ihre Versorgung und die Notstromaggregate aufgestellt hatten. Im Normalfall lassen sich solche Verseuchungen effizient nur durch Entfernung und Entsorgung des kontaminierten Erdreiches beheben ("Auskoffern"). Das ist z.B. nach den Belastungen mit Diesel infolge des Hochwassers im Sommer 2002 in Österreich passiert. Nur: Auf derart riesigen Flächen - in Südostasien wurden ja ganze Landstriche überflutet - wäre dies eine völlig unmögliche Sisyphusarbeit.

Krankheitserreger und Keime in Brunen

Etwas besser ist die Situation bezüglich Krankheits-erregender Keime. Vor allem Fäkalkeime sind mit dem verseuchten Oberflächenwasser in zahllose Trinkwasserbrunnen gespült worden. Hier gibt es eine vergleichsweise schnellere Reinigungsmethode als beim Öl: "Die Brunnen müssen zunächst 'hochgechlort' und desinfiziert werden", erläuterte Büchl. "Wenn dann das Schmutzwasser ausgepumpt worden ist, dauert es 30 bis 45 Tage, bis das nachdringende Wasser wieder relativ gut ist." Das Risiko: "Der Dreck von rundherum dringt wieder ein", so der Fachmann. "Daher muss man die Brunnen nach der Entkeimung 'schließen'." Ob das unter Katastrophenbedingungen auch nur annähernd lückenlos gelingen kann, ist die Frage.

Gefahr durch Chemikalienmix

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass diverseste Chemikalien - in völlig unbekannten Mischungen und ebensolchen Konzentrationen - mit der Flutwelle etwa aus diversen Fabriken an Land und damit in Böden und Grundwasser gespült worden sind. Prognosen über Auswirkungen und Abbauverhalten dieser Gift-Cocktails können daher nach Einschätzung der Experten von der AGES (Öst. Agentur für Gesundheits- und Ernährungssicherheit) derzeit absolut nicht aufgestellt werden.

Wie problematisch die Chemikalienbelastungen sein können, lässt sich aber aus dem Beispiel Atrazin ablesen: Die Halbwertszeit für den Abbau des in Österreich mittlerweile verbotenen Pestizides beläuft sich auf bis zu zehn Jahren. Atrazin ist bestens untersucht und dokumentiert und zudem ein Einzelstoff - Wirkungen und Wechselwirkungen anderer, derzeit nicht einmal bekannter Substanzen, die ausgeflossen sein könnten, seien dagegen "völlig unbekannt" und daher nicht einzuschätzen.

Ein einziger Faktor scheint die Gefahren vor allem für das Trinkwasser derzeit wenigstens etwas zu relativieren: Viel von dem belasteten Wasser, das von dem Tsunami mitgebracht worden ist, scheint auch wieder oberflächlich abgeflossen zu sein. "Das Meer hat sich ja wieder zurückgezogen", Büchl. Und auch stärkerer Regen - wie in den vergangenen Tagen in Sri Lanka - helfe, Belastungen teilweise wegzuspülen. Die Kehrseite der Medaille: Die Kontaminationen gelangen solcherart ins Meer und gefährden die fragile marine Umwelt, Pflanzen ebenso wie Tiere - und im schlimmsten Fall über den Umweg des Eindringens in die Nahrungskette erst recht wieder den Menschen. (APA)

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