Abschied eines Renaissance-Präsidenten

22. Februar 2005, 16:02
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Weltbank-Chef James Wolfensohn zieht sich von seinem Amt zurück. Kritische Würdigung eines "Visionärs mit Herz" - Kommentar der anderen von Kurt Bayer

Seit Dienstag scheint es festzustehen: Jim Wolfensohn verlässt nach zehnjähriger Amtsführung die Kommandobrücke der Weltbank - außer "die Kapitaleigner bitten mich, weiterzumachen". Letzteres wird allerdings nicht geschehen, zumindest nicht vonseiten des größten Kapitaleigners der Bank, der USA, die traditionell die Nominierung des Weltbankchefs vornehmen. Die Wiederwahl von George W. Bush hat uns bereits vor zwei Monaten vermuten lassen, dass es mit Wolfensohns Präsidentschaft vorbei sein wird: Folgerichtig hat er nunmehr die Initiative ergriffen und seinen Abschied bekannt gegeben, bevor ihn die neue Administration demontiert.

Nach zweijähriger Zusammenarbeit mit ihm als einer seiner Kontrolleure und Mitarbeiter möchte ich seiner Person, vor allem aber seiner Leistung größte Hochachtung zollen. Er hat der Weltbankgruppe ein neues und, wie ich meine, hervorragendes Profil gegeben und im Zuge dieser Veränderungen die Weltbankgruppe zur bedeutendsten Entwicklungsinstitution gemacht - nicht nur, was die Höhe der finanziellen Zuwendungen an Dritte-Welt-Länder betrifft, sondern auch und vor allem im Hinblick auf die konzeptionelle Führungsrolle der Weltbank: Jim hat mit seinen Mitarbeitern, allen voran Joseph Stiglitz und dessen Nachfolger Nick Stern als Chefökonomen, das Comprehensive Development Framework (CDF) entwickelt, das auf einer ganzheitlichen Sicht der Entwicklungspolitik beruht, und damit das rein makroökonomische Stabilisierungsparadigma der 80er-Jahre abgelöst. CDF postuliert eine langfristige, umfassende Entwicklungsplanung, die auf einem Zusammenspiel makroökonomischer Stabilität, funktionierender sozialer Infrastruktur und geeigneten Regulierungs- und Governance-Strukturen aufbaut, von den Ländern selbst auf möglichst breiter Basis getragen wird, also wirkungsorientiert (statt inputorientiert) und partnerschaftlich angelegt ist.

Zwei-Säulen-Strategie

Verwirklicht wird dieses Ziel durch eine Zwei-Säulen-Strategie - die Verbesserung der Investitionsbedingungen und die Ermächtigung (Empowerment) der Menschen im Land - wodurch vor allem sichergestellt werden soll, dass diese Strategie, deren Grundlagen von den betroffenen Ländern in den so genannten Poverty Reduction Papers (PRSP) festgeschrieben sind, nicht der Bereicherung einiger Potentaten, sondern der Bekämpfung der Armut dient.

Was ist daran neu? Neu ist vor allem das Abgehen von oktroyierten Entwicklungsstrategien, die Zentralität von funktionierenden Institutionen und gutem Regieren, die Bedeutung "weicher" Faktoren wie Ausbildung, Gesundheit und Kapazitätenaufbau. Wolfensohn hat diese Strategie auch dadurch untermauert, dass er den Weltbank-Staff "dezentralisierte". Heute werken in ca. 70 Länderbüros über 4000 Weltbankangestellte vor Ort, davon 80 Prozent aus der Region selbst rekrutiert. So verkünden nicht mehr "weiße Sahibs den farbigen Eingeborenen", wie sie zu agieren haben. Projektfinanzierung wird sukzessive, durch breitere Ansätze ersetzt, die den Ländern selbst die Prioritätensetzung erlauben.

Gelebte Partnerschaft

Wolfensohn hat sich mit dieser Strategie gegen viele Widerstände durchgesetzt: gegen sein ererbtes Management, seinen Board, den Staff, viele wichtige Geberländer. Und der Erfolg gibt ihm Recht. Er war/ist der erste Weltbank-Präsident, der "Partnerschaft" nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt hat. Seine Kontakte zu den Armen der Welt (und deren politischen Machthabern) waren vielfältiger und intensiver als die all seiner Vorgänger zusammen, er hat mit den Menschen dieser Länder authentisch gesprochen, mit ihnen gegessen, getanzt, bei ihnen übernachtet, sie und ihre Würde ernst genommen. Zugleich hat er die Kommunikation mit Nichtregierungsorganisationen institutionalisiert und auf deren Rat gehört - auch wenn das nicht immer belohnt wurde, wie eine von mir selbst miterlebte Farbbeutelattacke auf ihn letzten März in Ljubljana beweist.

Wolfensohn ist ein Mann mit Vision, vor allem aber mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Unermüdlich und mit erstaunlicher Energie hat er die Sache der Armen vertreten - die reichen Länder zu mehr und besserer Entwicklungshilfe aufgerufen, ihnen vorgerechnet, wie viele Arme ihre Handelspolitik produziert, sich für Gender-Mainstreaming, für Behinderte, benachteiligte Volksgruppen eingesetzt . . .

Selbstwahrnehmung als Starökonom und Weltpolitiker

Verdienste, die fallweise durchschlagender Populismus ebenso wenig schmälert wie manche Eitelkeit: Nach gemeinsamen Auftritten mit internationalen Musikgrößen wie Yo-Yo Ma, Pinchas Zuckerman, mit der Washington Symphony, Bono und anderen zu seinem 50., 60. und 70. Geburtstag sah er sich - wiewohl "nur" ein talentierter Amateur - als Welt-Musikstar; seine Affinität zu Nobelpreisträgern, gekrönten Häuptern und Regierungsspitzen beflügelte seine Selbstwahrnehmung als Starökonom und Weltpolitiker. Da verwundert es nicht, dass er die Mitglieder seines "Boards" vielfach als "Erbsenzähler" verunglimpfte, die nur Sand in seine grandiosen Weltideen streuen.

Dennoch: Jim Wolfensohn ist ein großer Visionär, ein wahrer Freund und ein guter Mensch. In seine Amtsperiode fallen der dauerhafte Aufstieg Chinas und Indiens mit der Befreiung von hunderten Millionen Menschen aus äußerster Armut, die Demokratisierung weiter Teile Lateinamerikas mit erstaunlichen Entwicklungsleistungen in Brasilien und Chile, die Weiterentwicklung der asiatischen "Tigerstaaten", die Fitmachung der neuen EU-Mitglieder, und viele andere positive Entwicklungen. Natürlich gab es auch Misserfolge: In Wolfensohns Amtszeit fallen die Krisen in Russland, in Ostasien, in der Türkei und in Argentinien, aus denen die Weltbank gelernt hat. Im Übrigen sollte nicht vergessen werden, dass sie dabei unter immensem Druck der G-7-Länder stand, auch "gegen besseres Wissen" zu handeln.

James Wolfensohn ist weder für die Erfolge noch für die Misserfolge allein verantwortlich, aber er hat der Entwicklungsstrategie und -politik der Welt um die Millenniumswende unzweifelhaft seinen positiven Stempel aufgedrückt. Seine Nachfolgerin wird es nicht leicht haben, seine Schuhe auszufüllen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.1.2005)

Zur Person

Kurt Bayer ist Mitarbeiter des Finanzministeriums und war zwei Jahre lang Mitglied des Exekutivrates der Weltbankgruppe. Er lebt in Wien.

Nachlese:
Weltbankchef als Bush-Opfer
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