Banderas auf den Bretteln

12. Mai 2005, 10:44
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Auch die Spanier gehen Ski fahren. Winterferien im Val d'Aran in den Pyrenäen machte Helge Sobik

Wie klingt der Winter in den Pyrenäen? Für manchen ist es das Knirschen des Schnees unter den Schuhen in den Pinienwäldern, unter den Skiern auf den Abfahrtspisten an den Hängen der bis zu 2600 Meter hohen Gipfel über dem Val d'Aran in Katalonien. Es ist das Gebell der Schlittenhunde oben auf dem Hochplateau von Beret, das Knistern der Kaminfeuer in den Hütten mit Flamencomusik aus Uraltradios im Hintergrund.

Für Roberto Buil Gascon ist der Winter in Nordspanien ein Konzert vielstimmiger Klingeltöne im Kanon von frühmorgens bis spätabends - fünfeinhalb Monate lang von November bis April. Der Mann ist verantwortlich für den reibungslosen Ski- betrieb auf den Pisten von Baqueira, ist zudem Anlaufstelle für alle, die eine Kombination aus Unterkunft und Skikurs in Spaniens Wintersportort Nummer eins buchen möchten.

Und sein kleines Büro grenzt direkt ans Callcenter in der Seilbahn-Talstation, wo zwei Dutzend Telefonistinnen in türkisblauem Sportdress die Anrufe entgegennehmen. Abends zu Hause hört Roberto Buil Gascon Klaviermusik und ist froh, wenn nichts mehr dazwischenklingelt - und keiner mehr türkisblaue Kluft tragen muss.

25 Jahre ist er inzwischen dabei, und wenn er irgendwann pensioniert wird, dann wird ihm zu Ehren vermutlich eine Piste benannt werden: Die schwierigste am Tuc de la Llança trägt den Namen seines Vorgängers Luis Arias. Es ist die Lieblingspiste des spanischen Königs. Meistens kommt Majestät mit der Familie um Weihnachten herum ins Val d'Aran, zieht ein in sein Haus oberhalb von Baqueira und bleibt für ein paar Wochen.

"Dies ist wahrscheinlich der einzige Ort Spaniens", sagt Roberto, "wo Sie unseren König einfach so beim Drink an der Bar treffen, ein paar Worte mit ihm plaudern und ein Erinnerungsfoto schießen können." Besonders gern schaut Majestät im Restaurant "Casa Irene" in Arties vorbei und lässt Pyrenäen-Wildschweinschinken mit Orangensoße auffahren.

Das Val d'Aran misst 620 Quadratkilometer, zählt 7800 Einwohner, die Hälfte davon im Hauptort Vielha, der Rest verteilt auf 34 Dörfer - und es hat an den Hängen, die es umfassen, die besten und beliebtesten Skipisten Spaniens. Im Ausland ist die Region noch ein Geheimtipp, im Inland haben Baqueira und Beret denselben Klang wie anderswo Kitzbühel und St. Moritz, dazu dieselbe Menge an Promis. Penélope Cruz ist gerade abgereist, Antonio Banderas wird in Kürze erwartet. Viele reiche Spanier haben eine Wintervilla im Val d'Aran, eine Zweitwohnung in Baqueira, sind Mitglied im noblen Skiklub.

Sie alle haben denselben Anreiseweg. Durch fast zwei Dutzend Tunnel führt die Straße aus dem Tiefland im Nordwesten Barcelonas hinauf in die Pyrenäen bis ins 1400 Meter hoch gelegene Val d'Aran. Die Röhren sind gewunden, manchmal in den rohen Fels gehauen, ohne mit Beton verschalt zu sein. Manche sind schlecht beleuchtet, und an den Innenwänden rinnt das Wasser herunter. Der längste aller Tunnel ist nur zwei schmale Spuren breit, und manchmal hängt eine Nebelbank geisterhaft in dem ein halbes Jahrhundert alten und 5,2 Kilometer langen Schacht: wie ein geisterhafter Zaubervorhang, hinter dem eine andere Welt beginnt.

Es ist im Winter der einzige Weg, die Passstraße als sommerliche Alternative ist geschlossen: zu viel Schnee. Wie immer im Winter. Ein paar Monate lang wird sie jetzt als Trail für Langläufer und Schneeschuhwanderer genutzt.

Die Straße nach Montgarri endet unterdessen im Nichts. Aus dem Ort am Nordrand des Val d'Aran ist eine Geisterstadt geworden. Fast. Ein Rasthaus gibt es noch, außerdem ein kleines Restaurants für Wintersportler - in einer winzigen Hütte und nur ein paar Tische groß. Das Steak wird dort über dem Kaminfeuer gegrillt, und Speisekarten gibt es bei Enric Arnalot nicht. Er hat nur ein Menü. Jeden Tag das gleiche.

Niemand bleibt über Nacht in Montgarri. Der Koch kommt morgens mit einem Kettenfahrzeug aus Richtung Baqueira und fährt spätabends zurück. Die Dinner-gäste holt Arnalot selbst mit dem Pistenbulli in Beret ab und schaukelt sie sechs Kilometer weit durch den Schnee bis zur Tür seiner Berghütte: Dieser "erste Gang" ist im Menüpreis inklusive. Als Digestif gibt es die Rückfahrt im Pistenbulli - ebenfalls inklusive.

In dem Haus aus gestapelten Natursteinen ist Arnalot aufgewachsen: "Es war zu schade, es dem Zerfall zu überlassen." Am liebsten setzt er sich dazu, plaudert mit seinen Gästen, trinkt Rotwein mit ihnen in der räucher-warmen Hütte. Diesen Mittag sind ein paar Schneeschuhwanderer gekommen, haben ihren katalanischen Hütehund mitgebracht, der unterm Tisch auf Schinkenspenden hofft. Nebenan hocken diesmal zwei Motorschlittenteams, in der Ecke drei Skilangläufer.

Früher war Montgarri eines der Tore zur Außenwelt, weil hier ein Weg den Pass überwand. Seit es den langen Tunnel am anderen Ende des Val d'Aran gibt, ist der das einzig relevante Tor zum Süden geworden. Und Vielha, der Ort an der Tunnelöffnung, ist gewachsen, während Montgarri in der Bedeutungslosigkeit versank, sogar der Pfarrer aus Mangel an Schäfchen davonzog. Ein Mal im Jahr, am 2. Juli, kehrt er zurück, um dort auf einer Wiese vor zweitausend Gläubigen aus dem Tal das Ende des Winters zu feiern.

Es ist der Lieblingsgottesdienst von Jusep Amiell Solé, dem obersten katholischen Geistlichen im Val d'Aran. Und nach Möglichkeit hält er ihn selbst ab - wenn er nicht zu beschäftigt ist. Die Winterabende und manche Sommernacht nutzt er gerade dazu, die Bibel ins Aranès zu übersetzen, in die eigene Sprache der Bewohner dieses Tales, die die Kinder dort noch heute neben Katalanisch und Spanisch in der Schule lernen.

Bis sie die Aranès-Bibel in Händen halten können, werden noch zwei, drei Jahre vergehen. Am letzten Viertel des Neuen Testaments arbeitet Amiell Solé noch, und ein bisschen Freizeit braucht er zwischendurch auch: fürs Beten, fürs Schneeschuhwandern in Montgarri. Und fürs Skifahren in Baqueira. (Der Standard/rondo/7/1/2005)

Info:

baqueira
  • Traumhaftes Panorama
    www.baqueira.es

    Traumhaftes Panorama

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