Ruhe vor dem Turm

13. Mai 2005, 12:36
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Die Medina von Tunis ist eine der prächtigsten der islamischen Welt. Im Ramadan stellt sich hier das Leben auf den Kopf

Es ist kurz nach fünf Uhr im überdachten Innenhof. Die Gäste haben sich bereits niedergelassen im Haus des Bel Hadj, wie das traditionelle Restaurant hier mitten in der Medina von Tunis heißt. Die Kellner stehen bereit, doch noch ist etwas Geduld geboten. Noch ertönen aus den umliegenden Räumen Gebete. Sobald die Sonne untergegangen und die Betenden verstummt sind, kann mit der Menüabfolge begonnen werden.

Es ist Ramadan, der arabische Fastenmonat, und auch in Tunis, einer der modernsten arabischen Städte, hat man sich ganz den strikten Regeln des Islam untergeordnet. Untertags, also von Sonnenauf-bis Sonnenuntergang, in jener Zeit also, in der die Gläubigen nichts zu sich nehmen dürfen, läuft das öffentliche Leben auf Sparflamme. Viele Geschäfte sind geschlossen, in der Medina sprechen nur wenige Händler die paar vereinzelten, durch die Gassen ziehenden Touristen an.

Im Dar Bel Hadj gibt es heute, wie an jedem anderen Tag des Fastenmonats auch, das klassische Ramadan-Menü: Wasserkrüge stehen auf den lose im Innenhof aufgestellten Tischen, das köstliche Weißbrot taucht man in die scharfe Harissa-Paste ein. Die Kellner servieren gefüllte Datteln und Brik, eine in Olivenöl gebackene Teigtasche mit Ei und Thunfisch, später wahlweise Fisch oder Rindfleisch. Und das Ganze zu einem sehr moderaten Preis. "Wir wollen, dass Menschen, die sich normalerweise einen Restaurantbesuch nicht leisten können, zumindest während des Ramadan hierher kommen können", wird einem der Kellner später erklären. Ziemlich viele machen von diesem Angebot auch Gebrauch.

Der Ramadan stellt nicht nur die Preispolitik der tunesischen Spitzenlokale auf den Kopf. Die Medina von Tunis, die normalerweise abends leergefegt ist, wird mit Einbruch der Dunkelheit zu einem einzigen, riesigen Basar. In den Souks rauchen Männer die Schischa, die traditionelle Wasserpfeife, vor ihnen ein Glas Tee mit Pinienkernen. Frauen besorgen letzte Geschenke, die am Ende des Ramadan übergeben werden. Übertroffen wird das große, laute Spektakel, das die Medina jetzt bietet, nur durch die Unzahl an Musik- und Theatervorstellungen, die allerorten über die Bühne gehen.

Kaum ein Abend, an dem im Nationaltheater an der prächtigen Avenue de France keine Vorstellung stattfindet. Und in der Medina, einer der schönsten der islamischen Welt, die vor über 13 Jahrhunderten auf einem schmalen Streifen zwischen zwei Seen entstand und seit damals ihre Größe und teilweise auch ihre Form erhalten hat, stellen die kleinen Kulturzentren ihre eigenen Festivals zusammen; im Stadtmuseum feiert man in einer schönen Ausstellung den Maler Mahmoud Sehili.

"Im Ramadan erlebt man ein arabisches Land von einer gänzlich anderen Seite", hatte man immer wieder zu hören bekommen. Wie anders das sein kann, ist anderntags auch in Sidi Bou Said zu erleben, dem wunderbaren Villen- und Künstlervorort von Tunis, in der Nähe von Karthago über dem Golf gelegen. Hier, wo sich August Macke und Paul Klee, Flaubert und Guy de Maupassant inspirieren ließen, ist an diesem warmen Morgen kaum ein Mensch zu sehen. Keine Reisebusse und keine nervigen Händler. Das berühmte Café des Nattes ist halb leer, im Café Sidi Chaabane, das über mehrere Terrassen am Hang zu kleben scheint, muss man den Kellner erst suchen.

"Allahu akbar" schallt es über die orientalischen Kuppelbauten, monoton und im immer selben Rhythmus; dann herrscht wieder Ruhe. Die abgeschirmte Präsidentenresidenz von Zine el-Abidine Ben Ali liegt still im Hintergrund, gleich neben den Überresten der Thermen des Antonius. Ein offenes Restaurant? Das ist hier jetzt nur schwer zu finden. Einen Tee mit Minze ist alles, was man den Touristen anbieten kann. Diese geben sich gerne mit dem Blick auf den tiefblauen Golf von Tunis zufrieden. Und mit der Ruhe, die hier überall herrscht. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/7/1/2005)

Info:
Fremdenverkehrsamt Tunesien, Opernring 1/R/109, 1010 Wien; Tel.: 01 / 5853480, tunesien info
2005 dauert der Ramadan vom 4. 10. bis 3. 11.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    In der Medina von Tunis

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