"Los Muertos": Ein Mann, der den Dschungel kennt

26. März 2005, 22:08
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Lisandro Alonsos "Los Muertos" folgt der Reise eines schweigsamen Exhäftlings in die Wildnis

Dank des Viennale-Preises der STANDARD-Leserjury ist der so sinnliche wie rätselhafte Film nun im Kino zu sehen.


Wien - Das Verbrechen liegt im Dschungel verborgen. Die erste Sequenz im neuen Film des Argentiniers Lisandro Alonso legt es frei, aber es erscheint mehr wie eine Halluzination oder ein schreckliches Nachbild. Die Kamera streift im Fieber durch das Dickicht der grünen Blätter, Unschärfen lassen sie wie ein impressionistisches Bild erscheinen; zwei Tote sind zu sehen, eingebettet in den Wald, vom Täter wird bloß eine Bewegung mit der Machete erhascht. Dann färbt sich die Leinwand giftig grün, und Los Muertos beginnt nochmals.

Der Mord spielt nach diesem Bruch keine Rolle mehr, da er der Vergangenheit angehört. Doch er stellt das weitere Geschehen unter ein anderes Licht. Vargas (Argentino Vargas), der Protagonist des Films, bleibt eine unberechenbare Figur, der man nur äußerlich begegnen kann. Er wird aus dem Gefängnis entlassen. Wofür er seine Strafe verbüßt hat, ist zunächst unklar. Von einem Mitinsassen erhält er einen Brief und den Auftrag, an einen entlegenen Ort zu fahren. Bevor er aufbricht, sieht er lange auf die Straße. Diesem Blick nach vorne folgt der Film.

Los Muertos ist in vielerlei Hinsicht charakteristisch für die Stärken des neuen argentinischen Kinos; es will mit dem magischen Realismus der älteren Generation nichts mehr zu tun haben und setzt stattdessen auf ein entschlacktes, geradezu simplizistisches Kino der Beobachtung. In Lisandro Alonso hat es vielleicht seinen radikalsten Vertreter, der sich schon in seinem Debütfilm La Libertad (2001) mit einem eigenbrötlerischen Einzelgänger befasste: einem Holzfäller in der Pampa und dessen täglichen Routinen - wozu auch die Erlegung eines Gürteltiers gehörte.

Vargas' erste Reise in der Freiheit ist mit einem vergleichbaren Nachdruck auf scheinbare Nebensächlichkeiten gefilmt: Sie beginnt in der Zivilisation und endet wieder in der Natur, an einem Fluss namens Paraná im Dschungel. Zwischen dem Unterwegssein im Auto, zu Fuß und schließlich im Boot wird der wortkarge Mann in einem sehr faktischen Sinn gegenwärtig: Er kauft sich Brot und eine Bluse für seine Tochter; er hat Sex in einer Hütte, er isst ein Eis - wenn er auf die Ermordung seiner Brüder angesprochen wird, antwortet er nur knapp, das habe er vergessen.

Mythische Dimension

Alonso eröffnet gerade durch diese Konzentration auf praktische Verrichtungen eine mythische Dimension, die er jedoch nie vordergründig bemüht. Spätestens als Vargas sich nur noch träge im Fluss fortbewegt, drängen sich die Metaphern zwar auf, aber aus Los Muertos wird - um nur eine davon aufzugreifen - kein Conrad'scher Trip ins Herz der Finsternis.

Dafür ist Vargas zu geschickt im Umgang mit der Natur: Er lässt sich von ihr nicht überwältigen, er räuchert einen Bienenstock aus und nascht den Honig aus den Waben; oder er greift, fast im Vorbeifahren, nach eine Ziege und schlachtet sie. Es liegt damit immer schon näher, in Vargas einen Mann zu sehen, dessen Wesen an den Dschungel angepasst ist: Dessen Gesetze kennt er wie die Wildnis ihn ihm selbst.

Wie schon in La Libertad lässt Alonso seine Figur von einem Laiendarsteller verkörpern, der dieser wohl ähnlich ist: einem Analphabeten und, laut eigener Aussage, Vater von 24 Kindern. Das Ausgangsmaterial für Los Muertos bildet somit - neben literarischen Einflüssen wie Dostojewski und dem uruguayischen Schriftsteller Horacio Quiroga - eine konkrete außerfilmische Realität; die Grenzen zwischen dokumentarischen und fiktionalen Ebenen werden jedoch fließend - was der Eigenart der Kamera entspricht, sich von der Figur zu lösen, um in die nähere Umgebung abzuschweifen, und Bilder zu suchen, die keinem Aktionsschema mehr unterworfen sind.

Natürlich hat Vargas' Reise auch ein Ziel. Das ist im Grunde von geringer Bedeutung. Man weiß nicht einmal genau, ob es seine eigene Tochter ist, die er sucht. Los Muertos wartet mit keiner dramaturgischen Pointe auf, er reißt einfach ab, bleibt stehen. Ein Bild von seltener Beiläufigkeit: Spielzeuge auf einem staubigen Boden. Das Ende versperrt sich schon wie der Anfang eindeutigen Zuschreibungen. Vargas ist vielleicht angekommen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.1.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

Ab 7. 1. im
Gartenbaukino
  • Der Fluss als Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis: Der aus der Haft entlassene Vargas (Argentino Vargas) begibt sich in Lisandro Alonsos "Los Muertos" in eine befremdliche Welt.
    foto: stadtkino

    Der Fluss als Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis: Der aus der Haft entlassene Vargas (Argentino Vargas) begibt sich in Lisandro Alonsos "Los Muertos" in eine befremdliche Welt.

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