Emotionale Scheuklappen

11. Februar 2005, 15:52
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Contra: Urlaub im Katastrophengebiet? Von Irene Brickner

Am Ort einer Katastrophe lässt es sich nicht gut Urlaub machen - es sei denn mit emotionalen Scheuklappen oder mit zusammengebissenen Zähnen. So weit eine einfache, psychohygienische Erwägung, die Urlaubshungrige in den kommenden Monaten von Reisen zu den vom Tsunami betroffenen Küsten abhalten sollte.

Und zwar auch von Reisen an Orte und in Ressorts, wo die Springflut weniger - oder gar keinen - Schaden angerichtet hat. Nirgendwo an den heimgesuchten Gestaden ist es weit bis zum nächsten Auffanglager, bis in Gegenden, über denen - wie die Betreiberin eines Sozialprojekts auf Sri Lanka es am Telefon schildert - "der Tod noch lastet": Die Wellen haben die unmittelbaren Küstenregionen zerstört, die sich unbeirrbare Touristen nunmehr mit geschädigten bis traumatisierten Einheimischen teilen müssen. Wo touristenfreundliche Diensteifrigkeit oftmals nah an nackter Verzweiflung liegen dürfte.

Zudem weisen Helfer darauf hin, dass in den betroffenen Gegenden intakte Ressorts derzeit dringend zur Behausung und Versorgung Obdachloser benötigt werden - auch wenn viele Hotelinhaber entsprechenden Aufrufen noch nicht Folge geleistet haben. Von Touristen verbrauchtes Trinkwasser wiederum schmälere angesichts der zumindest angeknacksten Wasserversorgung den Zugriff der Einheimischen auf das lebenswichtige Nass - von gefüllten Pools ganz zu schweigen.

Jetzt nicht hinfahren, lautet also die Devise. Jetzt, wie gesagt - nicht in ein paar Monaten oder einem halben Jahr. Dann nämlich, wenn die ärgsten Schäden, die schlimmsten Versorgungsengpässe beseitigt sein werden, werden die betroffenen Regionen wieder auf Touristen warten. Werden sie als Besucher und Devisenbringer brauchen - und willkommen heißen können. (Irene Brickner, Der Standard, Printausgabe, 04.01.2005)

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