"House of Flying Daggers": Die Handkanten der Wachsfigurenpuppen

26. März 2005, 22:08
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Das chinesische Action­kino müht sich ab an den Vorgaben von Coolness und emotion­aler Relevanz: "House of Flying Daggers"

Regisseur Zhang Yimou übersetzt politische Aussagen in Formen von Privatheit - und lässt doch eigentümlich kalt.


Wien - Ein blindes Mädchen ist die neue Attraktion des Pfingstrosenpavillons, eines Freudenhauses im mittelalterlichen China. Mei sieht unschuldig aus, aber sie ist ganz und gar nicht devot. Der Ordnungshüter, der sich in ihren Armen von der schweren Arbeit erholen will, sieht sich unvermutet zu einem Schleiertanz herausgefordert, der in Aggression umschlägt.

Mei (Zhang Ziyi) ist eine Rebellin. Sie gehört dem umstürzlerischen Geheimbund an, nach dem Zhang Yimous neues Schwertkampfabenteuer benannt ist: House of Flying Daggers. Nach westlicher Zeitrechnung ist es das Jahr 859. In China regiert die Tang-Dynastie, gegen die sich Widerstand aus der Zivilgesellschaft regt. Die Polizisten Leo (Andy Lau) und Jin (Takeshi Kaneshiro) dienen dem alten Regime, jedenfall so lange, wie die "internal affairs" in diesem Film nicht aufgeklärt sind.

Berufliche und private Loyalitäten sind nicht immer leicht unter einen Hut zu bringen, vor allem, wenn man in geheimer Mission arbeitet. House of Flying Daggers ist ein Roadmovie in einer Zeit, als es noch kaum Straßen gab, also ein Querfeldein-Movie. Mei flieht mit Jin, der sich zum Schein auf ihre Seite schlägt, aus dem Gefängnis, und macht sich auf den Weg zu ihren Vorgesetzten. Jin handelt im Auftrag von Leo, der ihnen heimlich folgt, weil er auf diese Weise an die Führungsspitze der "Dolche" heranzukommen hofft.

Mei und Jin müssen ständig Gefechte bestehen. Mei muss jedoch auch einmal ein Bad nehmen. Dann spürt sie auf der nackten Haut, wie Jin sie anstarrt. Die Erotik in House of Flying Daggers ist weit gehend sublimiert, weil der Kampf die Form der Intimität ist. Wie bereits in Hero agieren die Helden auf ihrer Mission ihre private Geschichte aus. Deutlich versucht Zhang Yimou, an den großen Erfolg dieses Films anzuschließen, der wiederum als die chinesische Antwort auf Tiger and Dragon gelten kann.

Seltsame Dolchflüge

Die Politik, die in Hero im Zentrum stand (in der Frage nach der Weisheit des unbewegten Gewaltherrschers), spielt keine Rolle mehr. Stattdessen dreht sich alles um die emotionalen Konflikte der drei Protagonisten: Sie sind jeweils unterschiedlich ineinander verstrickt. Die Dolche fliegen so seltsame Kurven, weil auch die Liebe so komplizierte Umwege geht. Mei, Jin und Leo enthalten das ideale Paar. Sie suchen nur noch nach der richtigen Konstellation, nach einer Balance aus Leidenschaft und Disziplin. Zhang Yimou lässt die Leidenschaft siegen, aber um einen hohen Preis. Er verliert die Implikationen seiner Geschichte aus den Augen.

Als Zhang Yimou in den 80ern im Westen bekannt wurde, galt er als Oppositioneller. Er erzählte von der Vergangenheit, meinte aber die Unfreiheit im Kommunismus. So verstanden ihn zumindest die Kritiker. House of Flying Daggers ist nun ein reines Unterhaltungsprodukt. Es gibt keine zweite Ebene, keine allegorische Lesart, die über das Interesse an der effizienten Rekonstruktion des klassischen chinesischen Genrekinos ("wuxia") hinausgeht.

Die Martial Arts sind perfekt, aber sie sind Übungen, keine Kämpfe. Sie sind abstrakt wie die Motive, die sich in der farbenprächtigen Ausstattung des Films überall finden. Im Bambuswald biegen sich die Bäume zwischen den flirrenden Waffen, im Schneeland gefrieren die Duellisten zu Eisheiligen ihrer Passion. Zhang Ziyi, Takeshi Kaneshiro und Andy Lau sind selbst für eine Prestigeproduktion dieser Größenordnung ein außergewöhnliches All-Star-Aufgebot.

Es gebietet der Code ihres Standes, so reglos wie möglich zu bleiben, wenn sie in Gefahr sind. Und so kämpfen sie auch - ein Wachsfigurenkabinett in Bewegung, das jedoch nirgends anstreifen darf, weil alles so erlesen schön ist. House of Flying Daggers trägt nicht bei zu einer Überlieferung, wie es das große Vorbild Touch of Zen von King Hu noch tat. Es besiegelt die Tradition mit einem Machtwort, vor dem alles erstarrt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 4. 1. 2005)

Von
Bert Rebhandl
  • Als das Dreinschlagen den Damen noch geholfen hat: Mei (Zhang Ziyi) auf dem Durchmarsch zu ihrem Ich.
    foto: constantin

    Als das Dreinschlagen den Damen noch geholfen hat: Mei (Zhang Ziyi) auf dem Durchmarsch zu ihrem Ich.

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