Erst die Moral und dann das Fressen?

11. Februar 2005, 16:26
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Die Sache mit den Werten (II): Bedenktexte zum Beginn des Jubeljahrs - Kommentar der anderen von Heinrich Breidenbach

Bibeln statt Sozialversicherung. Hohe Werte statt guter Taten: Erlebt Bushs erfolgreich getestetes Politik-Konzept bald auch wieder ein Revival in Europa? Vorsicht ist angebracht – der Schritt vom viel zitierten "Hochhalten" zum Abschaffen könnte sich jedoch als verhängnisvoll erweisen.

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"No insurance". Ist das eine Krankheit? Das Vokabel ist der österreichischen Schülerin einer Fachschule für Pferdewirtschaft nicht geläufig. Versicherung ist schließlich hierzulande für Jugendliche nicht wirklich ein Thema. Man hat sie einfach.

Warum dann aber dieses tägliche tränenreiche Mutter- Tochter Drama, bei dem es immer um "no insurance" geht? Die Szene spielt auf einer Pferde-Ranch im Staat New York. Mutter Cathy jobbt dort als Bereiterin. Tochter Susan, ein lebendiges zehnjähriges Mädchen möchte auch aufs Pferd.

Um Gottes Willen! Das tägliche Risiko für die Mutter ist schon hoch genug. Ein Unfall, eine Verletzung wäre der finanzielle Supergau für die Familie. Der kleinen Susan darf einfach nichts passieren. Sie muss in Watte gepackt werden. Die Praktikantin aus Österreich lernt das neue Wort und seine Bedeutung für das Alltagsleben von Millionen US-amerikanischen Familien schnell.

Die Schülerin mit Vokabelschwäche war meine Tochter und ihr Lernprozess liegt ein paar Jahre zurück in der Ära Clinton.

"Werte" sind billig ...

Hätten die siegreichen "Werte" rund um "moral" und "family" des vergangenen US-Wahlkampfs irgendeinen Bezug zur wirklichen Welt gehabt, müsste es nicht nur der armen Familie im Staat New York längst besser gehen. Aber wir kennen die Fakten: Die Anzahl der Armen in den USA ist gestiegen.

Die Jobs sind weniger geworden. Die Einkommen der unteren fünfzig Prozent sind gesunken. Die Verschuldung der Familien ist gestiegen. Die Sozialversicherung ist ungenügend geblieben. Millionen Familien leben real schlechter. Trotzdem konnte George Bush mit einem "Werte-Wahlkampf" diesmal auch tief in das Wählerreservoir ärmerer Familien vorstoßen. Ein Rezept funktionierte: Tue nichts für die Familien, aber sage ihnen unentwegt, dass sie etwas "wert" sind.

... und praktisch

Für wahlentscheidende Stimmung sorgte zusätzlich die Verknüpfung von "Werten" mit deren angeblicher "Bedrohung" durch deklarierte "Feinde". Die Botschaft George W. Bushs war simpel: "Ich schütze Ehe und Familie vor gottlosen Liberalen und der Homosexuellen-Ehe." Wer wird da noch an so niedere Dinge wie Sozialversicherung und Jobs denken?

"The issue of homosexual marriage energized millions. And they voted for Bush", triumphierte Reverend Louis Sheldon, Vorsitzender der christlich-fundamentalistischen "Traditional Values Coalition". Alle Umfragen geben ihm Recht. Die "value voters" haben die letzte US-Wahl entschieden. Es lebt freilich keine "normale" Familie real besser, weil Lesben und Schwule nicht heiraten dürfen. Aber ganz offensichtlich fühlen sich dann besser. Das reichte.

Die vielen Millionen Stimmen der "value voters" bekam Bush ohne jede soziale Gegenleistung. So blieben die Dollars für Steuergeschenke, Rüstung und Irak-Krieg. Das ist praktisch. "Werte" können also – zumindest vorübergehend – gute Taten prima ersetzen. Sie können zu Wortkeulen verkommen, die jede Rationalität aus dem politischen Diskurs prügeln.

Dieses Strickmuster ist weder neu und schon gar nicht "typisch amerikanisch": In Europa hat der Missbrauch von "Werten" Vorschub geleistet für grausame Religionskriege, morsche Monarchien, rechte und linke Diktaturen, Völkermorde, den Holocaust, Eiserne Vorhänge und blutige Gemetzel mit Millionen Toten. Erst diese Erfahrungen haben eine gewisse kollektive Skepsis gegenüber großen Worten entstehen lassen. Aber keine Immunisierung.

Die Vereinigten Staaten sind viel unschuldiger. Zumindest im eigenen Land haben sie nie erlebt, welche Katastrophen der Missbrauch von "Werten" auslösen oder zumindest begünstigen kann. Die aktuelle Werte-Lawine fungiert in den USA bisher "nur" als Grauschleier vor schlechter Politik, einem herbeigelogenen Krieg im Ausland und aggressiv verweigerter Armutsbekämpfung. Verglichen mit der europäischen Geschichte ist das harmlos.

Lernfreudige CDU

Ein bisschen Amerika ist überall. Und der Mensch ist im Wesentlichen überall gleich. Insbesondere die konservativen Parteien Europas verfolgen die Lektion aus den USA mit Interesse. "Merkel schwört die CDU auf konservative Werte ein", titelte die Berliner Morgenpost vom 7. Dezember 2004 in einem Bericht über den CDU-Parteitag in Düsseldorf.

So "wertebewusst" habe man Merkel noch selten erlebt. Die passenden Worte fehlen nicht: Patriotismus, Heimat, Familie, Gottvertrauen und – natürlich – "der besondere Schutz der Ehe, der gleichgeschlechtliche Paare etwa beim Erbrecht nicht gleichgestellt werden dürfen."

"Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral." Die Geschichte relativiert den berühmten Satz von Bert Brecht. Kann aber das Brecht'sche "Fressen", verstanden als Metapher für ein sicheres gutes Leben, wirklich kein politikmächtiger "Wert" mehr sein? Verhält es sich mit dem großen Werte-Kanon der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz, Gerechtigkeit – nicht ebenso?

Ist soziale Sicherheit kein "Wert" mehr? Oder der respektvolle Umgang mit den Ressourcen, mit dem Klima, mit der Natur?

Es sieht so aus. Mit "Werten" werden derzeit vornehmlich konservative Schlagworte assoziiert und konservative Parteien jonglieren mit diesem Instrument. Mit Recht verlangen die politisch versprengten Erben der Aufklärung die gesunde Portion Skepsis, Misstrauen und Distanz vor allen großen Worten.

Es graut ihnen vor Schwulst, Pathos und absolutem Wahrheitsanspruch. Aber sie schütten – wie Peter Warta gestern an dieser Stelle ("Kein Bedarf an Missionaren", der Standard, 3. 1.) – das Kind mit dem Bad aus. Sie ignorieren, dass "Werte" gerade deshalb so leicht missbraucht werden können, weil der Mensch sie so dringend braucht. Menschen suchen Orientierung, Einbindung und Sinn.

Fataler Irrtum

Wie leicht wäre es etwa, im Umgang mit anderen Kulturen und Religionen zwei "Werte" allgemein verständlich hochzuhalten. Zum einen die Toleranz und zum anderen die Menschenrechte. Letztere immer dann, wenn unter Berufung auf Religionen, Traditionen oder Kulturen Menschenrechte verletzt werden.

Zum Beispiel das Selbstbestimmungsrecht junger Frauen. Vor lauter Angst, nicht "tolerant" genug zu sein, unterbleibt dies. Aber wer aus Angst, Skepsis und Vorsicht nicht selbst offensiv "Werte" formuliert und einfordert, geht politisch unter.

In den USA ebenso wie in Europa. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2005)

Heinrich Breidenbach ist freier Journalist in Salzburg
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    Je weniger den Menschen real geboten wird, desto mehr werden sie mit "Werten" entschädigt: George Bush mit Truthahn-Imitat bei seinem legendären Truppenbesuch in Bagdad.

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