Wider die Arroganz der Intellektuellen

11. Februar 2005, 16:26
56 Postings

Neujahrsbotschaft eines VP-Wertedenkers – wortgetreu dokumentiert und kaum gekürzt - Kommentar der anderen von Günther Burkert-Dottolo

Was musste nicht alles schon als Zugehörigkeits-Code zur intellektuellen Linksliberalität herhalten: Hat es Ende der 1960-Jahre noch gereicht, mindestens dreimal den Film über das Woodstock-Fest gesehen zu haben – echte Gurus sind natürlich vor Ort gewesen –, gehörte in den 80ern die Hainburger Au zur Basisausstattung jedes intellektuellen Gesprächsbeginns.

Die "Veteranen-Treffen" der letzten Wochen zeigten viel rückwärts gewandte Verklärung, manchmal auch betretenes Rechtfertigen, wenn man nicht dabei war.

Dazu kam die Befreiung von allen Zwängen persönlicher Art – manchmal früher als gutes Benehmen (igitt!) bezeichnet –, die als Erhöhung der Wahrnehmbarkeit eigener Intellektualität nur zu gerne als Quasi-Rahmenprogramm eingesetzt wurde. Eine letzte Steigerung war hier nur noch durch die "Homo-Ehe" möglich, die nun als das Nonplusultra der Bekämpfung moralinsaurer konservativer Positionen gilt.

Politisch zeigten die österreichischen Intellektuellen, oder die, die sich dafür hielten, immer gerne auf der Straße, wer dazugehören durfte: Die Teilnahme an Hausbesetzungen, das Kleben von Werbebotschaften für das Tatblatt in Wiener U-Bahnstationen, die Besetzung der Uni von Zeit zu Zeit. Zumindest die Sympathie mit diesen Aktionen adelte jedenfalls.

Doch dann kam das Ereignis schlechthin, das endlich die Möglichkeit bot, seine kritische Intellektualität demonstrativ zur Schau zu stellen: Die Regierung Schüssel I wurde angelobt. Jede Woche konnte man nun seine Intellektualität auf dem Ring bei der Donnerstags-Demo vorführen, eindrucksvoller noch sich beim Zelt vor dem Ballhausplatz in Szene werfen.

Seit der zweiten Regierungsbildung fehlte nun diesen Verwöhnten eine herzeigbare Demonstrationsmöglichkeit. Doch mit George W. Bush wurde sie gefunden. Dass daraus eine Industrie wurde, die Millionen Dollar damit verdient, mag kritische Geister vielleicht stören, weil sie die Vermarktung schon als auffälligen Faktor des Bush-Images registrieren würden, für intellektuelle Linksliberale bot es nur die Möglichkeit, noch mehr in ihr intellektuelles Gejohle zu verfallen, das ihnen diese Figur ermöglichte.

Michael Moore erreichte so mit seinem "Fahrenheit 9/11" eine ansonsten nicht mögliche Umsatzhöhe. Geschäftlich hat es sich für ihn ausgezahlt, auch wenn er politisch damit eine Abwahl des George W. Bush verhindert hat.

Nachdenklich stimmte mich aber ein Gespräch, das ich mit David Frum, dem "Schöpfer" der "Allianz des Bösen", nach der Wahl führte. Dieser jüdische Paradeintellektuelle des American Enterprise-Instituts und führende "Egghead" der Bush-Administration fragte mich, ob Europa so schwach sei, dass es nur über ein Schlechtmachen der USA zu seiner Identität finden könne. Welches Bild der USA verbreiten wir denn: Abhängig von der New York Times und der Washington Post überrascht es daher kaum, dass man die letzten vier Jahre beispielsweise nichts über die Parteireform der Republikaner gelesen hat.

Schon längst waren die Zeiten eines Newt Gingrich vorbei, der die Partei nach Rechtsaußen geführt hatte. Ein Regierungsantritt durch Bush wäre mit der GOP (Grand Old Party) nie erfolgt, hätte er sie zuvor nicht zu einer modernen Zentrumspartei umgestaltet. Das muss zu denken geben und wäre nun eine wirkliche Herausforderung echter kritischer Intellektualität: den Nachdenkprozess einzuleiten, wie eine europäische Identität aussehen könnte, die der amerikanischen Identität Paroli zu bieten vermag.

Die Schaffung eines europäischen Patriotismus wird daher auch das Thema der intellektuellen Auseinandersetzung der nächsten Zeit sein müssen. Dabei die Grenze zum Chauvinismus zu ziehen, muss Aufgabe aller wirklich patriotisch Gesinnter sein. Die österreichischen Intellektuellen sind jedenfalls gefordert – nicht nur in der so gekonnten Abwehrhaltung, sondern in der Offensive der Neupositionierung Österreichs und Europas in den nächsten Jahren! (DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2005)

Der Politologe Günther Burkert-Dottolo(Jg. 1951) ist seit 1996 Leiter der Politischen Akademie der ÖVP, die in den vergangenen Monaten u.a. durch das verstärkte Angebot sog. "Werteseminare" zur intellektuellen Orientierung ihrer Klientel beigetragen hat.
Share if you care.