"Alles ist gut, solange es Arbeit gibt"

19. Mai 2005, 11:19
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Etwa 30.000 Menschen arbeiten in Österreichs Nahrungsmittelindustrie - Der Konsumenten­wunsch nach billigen Produkten lässt viele Unternehmer auf Leiharbeiter setzen

Wien - Ein wenig eintönig sei die Arbeit natürlich schon. Aber das störe sie nicht besonders, sagt Mikic Radmilla. "Heute ist es am wichtigsten, überhaupt eine Arbeit zu haben. Solange es Arbeit gibt, ist alles gut", sagt die gebürtige Exjugoslawin, deren freundliches Gesicht hinter ihrem Mundschutz kaum hervorschaut.

Die Mitarbeiterin des Wiener Fleischereibetriebes Radatz verpackt heute mit ihren Kolleginnen eine Lieferung Berner Würstel. Neben dem Dröhnen der Verpackungsmaschinen ist kaum etwas zu hören, die Mitarbeiter tragen alle einen Mundschutz, das macht auch das Sprechen schwer.

"Unsere Verpflichtung zur Hygiene ist nicht gerade mitarbeiterfreundlich", sagt Franz Radatz junior, Chef des Familienunternehmens, das im Süden Wiens 500 Mitarbeiter beschäftigt.

Nicht angenehme Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen im Betrieb sind nicht immer angenehm. Wo es der Produktionsablauf erfordert herrscht Kälte, wo gekocht wird, ist es heiß und feucht. Eine Folge dieser Bedingungen ist, dass Radatz kaum Österreicher findet, die in der Fleischproduktion arbeiten möchten.

Die meisten Beschäftigten kommen aus Ex-jugoslawien, sind ungelernte Arbeiter und haben oft Verwandte als Kollegen. Herr Radatz nennt das dann "Familienbetrieb im doppelten Sinn". Aufgestiegen sind freilich nur wenige Ausländer, nur zwei der zwölf leitenden Angestellten sind Nichtösterreicher.

Kaum Österreicher in der Produktion

In der heimischen Nahrungs-, und Genussmittelindustrie arbeiten insgesamt knapp 30.000 Menschen. In der Fleischproduktion sind laut ÖGB kaum Österreicher beschäftigt. Gegenüber dem Vorjahr ist der Fleischsektor relativ stabil, im Zuge des EU-Beitritts sind aber durch Rationalisierungen tausende Arbeitsplätze im Nahrungsmittelbereich verloren gegangen.

Zudem steigt der Druck des Handels auf die Lebensmittelindustrie nach billigen Produkten, sagt ein Gewerkschafter. Deshalb versuchten Firmen vermehrt, einzelne Produktionsbereiche an externe Firmen auszugliedern. Häufig wird dabei die Produktion von Leiharbeitern übernommen.

Portugiesische Leiharbeiter

Bei Radatz stellt seit etwa zweieinhalb Jahren ein portugiesisches Unternehmen Leiharbeiter zur Verfügung. Laut Franz Radatz arbeiten 25 bis 30 Portugiesen im Betrieb, die meisten davon in der Verpackung. "Darüber sind wir nicht glücklich", kritisiert der Vorsitzende des Betriebsrates, Karl Dober, die Unternehmensführung vorsichtig.

"Wir wollen, dass inländische Arbeiter die Stellen bekommen", so Dober. Der ÖGB fürchtet durch die österreichweite Praxis der Ausgliederungen ein Lohn-dumping, da nicht immer klar sei, ob die ausländischen Firmen entsprechend dem Kollektivvertrag entlohnen würden.

Außerdem besteht die Gefahr, dass ausländische Firmen für ihre Leiharbeiter keine Sozialversicherungsbeiträge entrichten, sagt ein ÖGB-Funktionär. Bei Radatz werden diese Beiträge gezahlt, sagt der Unternehmenschef.

Vorsichtige Kritik

Bei öffentlicher Kritik ist der ÖGB aber vorsichtig, man versuche die Sache mit den Unternehmern "gemeinsam zu lösen". Durch die Leiharbeitsverhältnisse steht auch die Gewerkschaft vor neuen Herausforderungen: "Es ist schwierig, mit den Portugiesen Kontakt zu halten, da viele von ihnen alle sechs bis sieben Monate ausgetauscht werden", heißt es beim ÖGB.

Und vertritt der Betriebsrat die Interessen der Leiharbeiter, über deren Anwesenheit er ja nicht glücklich ist? "Wir sollten auch für diese Leute da sein", antwortet Betriebsratschef Dober. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 03.01.2005)

  • Der Wiener Fleisch­produzent Radatz zählt mit seinen rund 500 Arbeitern in der Produktion zu den Großen in Österreich im Geschäft mit der Wurst.
    foto: radatz.at

    Der Wiener Fleisch­produzent Radatz zählt mit seinen rund 500 Arbeitern in der Produktion zu den Großen in Österreich im Geschäft mit der Wurst.

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