"Wir" und die Flut

11. Februar 2005, 15:52
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Vorgestern hat das österreichische "Gedankenjahr" begonnen - und niemanden interessiert es - von Barbara Coudenhove-Kalergi

Vorgestern hat das österreichische "Gedankenjahr" begonnen - und niemanden interessiert es. Eine Woche nach der Flutkatastrophe in Südasien kommt es uns kleinlich, ja fast frivol vor, über unsere vergleichsweise geringfügigen Sorgen und Triumphe während der letzten Jahre nachzudenken. Was wiegt das alles gegenüber dem verzweifelten Schicksal von Millionen am anderen Ende des Globus! Eine Lehre scheinen wir alle aus den Nachrichten der letzten Tage aber schon gezogen zu haben: Wir leben in einer Welt. Und darin ist Österreich nur ein winziges Fleckchen. Naturkatastrophen in entfernten Ländern hat es auch früher schon gegeben, aber mehr als pflichtgemäßes Mitleid haben sie in uns meist nicht ausgelöst. In allen Zeitungsredaktionen galt das ungeschriebene Gesetz: Ein Toter auf der Wiener Mariahilfer Straße ist eine größere Schlagzeile wert als hundert Tote in Südamerika.

Das ist nur natürlich. Das Eigene steht einem näher als das Fremde. Aber dieses kontinentübergreifende Unglück hat die Wahrnehmungsregeln verändert: Plötzlich ist das Fremde das Eigene, nicht zuletzt deshalb, weil im Zeitalter des Ferntourismus auch eigene Leute betroffen sind.

Phuket und die Malediven sind heute vertraute Namen

Phuket und die Malediven sind für viele Österreicher heute vertraute Namen, nicht anders als noch vor wenigen Jahren Caorle oder Rhodos oder noch früher das Salzkammergut und der Semmering.

Man weiß, wie es dort aussieht. Man war selbst einmal dort oder kennt Menschen, die dort waren. Die Fremde ist keine Fremde mehr, die einen nichts angeht. Sie geht einen an und sei es nur deshalb, weil Vetter Xandi auf den Malediven auf Urlaub war und um ein Haar sein Leben verloren hätte.

Das schiere Ausmaß der Katastrophe und die gewaltigen Geldmittel, die zur Hilfe benötigt werden, haben uns auch vor Augen geführt, wie sehr wir alle aufeinander angewiesen sind. Kein Land kann mehr unabhängig vom anderen agieren. Diese Aufgabe ist eine Weltaufgabe, zumindest eine europäische.

"Unser" Mann in Asien

In der Europäischen Union ist der Belgier Louis Michel als Kommissar für Menschenrechtsangelegenheiten und humanitäre Hilfe dafür zuständig und er ist auch schon in der Region unterwegs, um die Koordination des Wiederaufbaus vorzubereiten. Wen interessiert da in Österreich noch, dass Michel einst ein vehementer Befürworter der so genannten Sanktionen gegen die schwarz-blaue Regierung war? Ab sofort ist er "unser" Mann in Asien. Unsere Hilfe ist nur ein kleiner, aber trotzdem wichtiger Teil der internationalen Hilfsaktion.

Katastrophen führen Menschen zusammen. Niemand weiß das so gut wie die Mitglieder der Hilfsorganisationen, die seit Jahr und Tag gewohnt sind, grenzüberschreitend und international zu arbeiten. Bei Ärzte ohne Grenzen oder bei den Beobachterteams der Vereinten Nationen und der Europäischen Union wirken Menschen aus verschiedenen Staaten wie selbstverständlich zusammen.

Oft kennen sie einander nur beim Vornamen. Nationale Querelen, chauvinistische Eitelkeiten und Misstrauen gegen Fremde sind für diese Avantgarde internationaler Vernetzung nur noch eine ferne Erinnerung an frühere Zeiten. Sie haben erfahren, dass im nationalen Alleingang gar nichts geht, gemeinsam aber sehr viel.

Im Gedankenjahr 2005 wird wohl auch diese Erfahrung ihren Platz finden: dass Österreich ein für alle Mal und unumkehrbar ein Teil einer größeren Staatengemeinschaft geworden ist. Die große Flut in den Weihnachtstagen und die enormen Hilfsanstrengungen, die noch auf uns zukommen werden, haben uns diese Tatsache in Erinnerung gerufen. Eine globale Katastrophe hat eine globale Antwort gefunden. (Der Standard, Printausgabe, 03.01.2005)

  • Barbara Coudenhove-Kalergi
    foto: cremer

    Barbara Coudenhove-Kalergi

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