Friedrich Dürrenmatt: "Der Richter und sein Henker"

30. Dezember 2004, 20:13
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Geldmangel und Existenzangst, saß dem Autor so im Nacken, dass er sein Glück auf die gängige Karte des Trivialen setzte

Alle populären Genres buhlen recht verlogen um die Gunst ihrer Leser. Die Liebesgeschichte gleicht dabei einem notorischen Heiratsschwindler, der Horrorroman einem gewieften Geisterbahnbetreiber, die Kriminalstory aber ähnelt einem schlauen Jesuiten. Denn wie diese weltgewandten Gottesmänner versucht sie, die überirdische Offenbarung und das Wissen der Aufklärung aus ein und demselben schwarzen Ärmel zu zaubern.

So sind die Helden der Kriminalliteratur seltsam hybride Geschöpfe. Einerseits scheinen sie gottgelenkte Schlafwandler zu sein, denen der rechte Hinweis stets im rechten Moment aus heiterem Himmel in den Schoß fällt. Andererseits geben sie vor uns aber auch den braven Handwerker des Erkennens und werkeln erfolgreich mit der Rohrzange der Vernunft. Gerade diese Mixtur aus schicksalhafter Eingebung und logischer Maloche garantiert den Erfolg beim Leser, und damit wir das hanebüchene Doppelspiel glauben, muss Seite für Seite getrickst, getäuscht und geschwindelt werden.

Der 29-jährige Friedrich Dürrenmatt hat dies zweifellos gewusst. Aber der banale Ernst des Lebens, Geldmangel und Existenzangst, sitzt ihm 1950 so im Nacken, dass er sein Glück auf die gängige Karte des Trivialen setzt. Wie es das Genre verlangt, stattet auch er seinen Kommissar Bärlach mit beidem aus, mit einem unglaubwürdigen Instinkt für die kommenden Geschehnisse und mit dem Klempnerkasten des kausalen Denkens. Doch weil es ihm zugleich ernst ist mit der Kunst, bringt er ergänzend jene Gegengifte zum Einsatz, die die Erfolgsgier und den Erfolg versprechenden Hang zur Lüge, die unvermeidlichen Ingredienzien des Kriminalromans, in einer chemischen Balance halten: die Demütigung des Aufklärers und den Respekt vor den Toten. Für die Figuren, die sich bei Dürrenmatt der Erkenntnis verschrieben haben, für Bärlach, für seinen Vorgesetzten und für seine Untergebenen, hält die Handlung ein wunderbares Repertoire subtiler Erniedrigungen bereit.

"Alles, was wir wissen, hilft uns weiter!", meint Bärlachs Assistent einmal trotzig; in Wahrheit jedoch ist es eher so, dass jeder Fortschritt in der Aufklärung des untersuchten Mordes die Wahrscheinlichkeit von Düpierung und Beschämung in sich birgt.

"Ich liebe die Toten nicht", beteuert der an Magenkrebs leidende Kommissar eingangs gleich zweimal. Und allein schon die schwere Operation, die ihm bevorsteht, wäre Grund genug, den Leichen, die der Fall mit sich bringt, nicht allzu nahe zu kommen. Am Ende jedoch wird sich Bärlach, selbst vom Tod gezeichnet, über einen Leichnam neigen und ihm seine Reverenz erweisen.

Für den Lesenden wiederholt sich hier etwas. Denn auch am Anfang des Buches steht ein solcher Akt von Totenpflege, anrührend ungeschickt vollzogen von einem Schweizer Dorfpolizisten. So beugt sich der erfolgsgeile Pfeil der Aufklärung, biegt sich, schließt sich zum Kreis. Eine Geste, eine erzählerische Figur nur - aber vielleicht das Beste, Schönste und Wahrste, was eine ambitionierte Kriminalgeschichte gegen die Lüge, die dem Genre zugrunde liegt, ins Feld führen kann.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2004/ 1./2.1.2005)

Von Georg Klein
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    foto: sz-bibliothek
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