Dramolett: Celebrity Deathmatch - Die Nobelpreisträgerin und der Gouverneur

30. Dezember 2004, 19:52
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Elfriede J. und Arnold S.: Österreich ist für sich selbst immer auch das, was andere über das Land denken. Wer es in der weiten Welt des Auslandes schafft wahrgenommen zu werden, wird sehr schnell zur Projektionsfläche österreichischer Phantasien - ob er es nun will oder nicht. Am 1. September 2004 brach Schwarzenegger am Parteikonvent der Republikaner für seinen Parteifreund George W. Bush eine Lanze. Am 10. Dezember 2004 wurde der Nobelpreis für Literatur an Elfriede Jelinek verliehen.


Ein Beduinenzelt in einem fernen, heißen Land. Ein ehemaliger Bodybuilder in hohem Staatsamt sitzt auf einem Sessel und zieht an einer gigantischen Zigarre - der STAATSMANN. Auf einem kleinen Tisch ein Korb mit riesigen Orangen. Eine scheue BESUCHERIN huscht in das Zelt, vermummt mit einem Kopftuch und einer Groucho-Marx-Maske. Über ihrem Kopf schwebt ein Lorbeerkranz, nach dem sie von Zeit zu Zeit irritiert schlägt. Der Lorbeerkranz weicht ihren Schlägen elegant tänzelnd aus und bewegt sich dann zurück an seinen Platz. Auf den Lorbeerblättern erkennen wir winzige Kamerateams, die sie unter ständiger Beobachtung halten.


BESUCHERIN: Immerzu klopfen sie mich jetzt platt zum Aushängeschild. Ich bin Blech, da kann ich nichts machen. O Schutz vor mir! Vielleicht hier?

STAATSMANN (von der Zigarre geknebelt): Ga hang.

BESUCHERIN: Ich kann nicht anerkannt sein. Das steht mir nicht. Jetzt kann jeder heran und darf einmal an mir herumfingern und in kurzen Hosen Bücher schreiben über mich. Und dieses lästige Geschwerl da oben soll verschwinden. Die Vollkoffer mit den Koffern voller Kameras machen mir den Hund nervös. Sogar mein Hund ist psychisch krank. Wo ist mein Hund? Dabei bin ich eigentlich sehr nett.

Der STAATSMANN entdeckt die Kameras auf dem Lorbeerkranz der Besucherin.

STAATSMANN: Ga! Ga!

Er will den Kranz zu sich herüberziehen, um sich unter ihm zu sonnen, aber der flutscht immer wieder über das Haupt der BESUCHERIN zurück. Enttäuscht nimmt der STAATSMANN die Zigarre aus dem Mund und beißt in eine riesige Orange.

STAATSMANN (kauend): Wia san die boiden groischten loibenden Öihschtreicha. Früha Börnhoard und Woidheim, hoite wia. Natuagemöiß.

Er schlägt sich so stark auf die Schenkel, dass seine Fäuste durch die Knochen hindurch auf den Sessel prallen. Blut spritzt, aber sofort schließen sich die Wunden mit metallischem Zischen wieder. Die BESUCHERIN schaudert.

BESUCHERIN: Ich möchte Wildnis sein oder Wein, Weib und Gesang. Aber doch nicht so!

STAATSMANN: Du bist a preischgekröint. I regiare.

Der STAATSMANN wird Gebirge. Er verwandelt sich in ein weltumspannendes Alpenmassiv aus Muskelfasern. Unterseeisch halten seine Tentakel die Erdplatten zusammen. An den Stränden wehren seine Waschbrettbauchmuskeln Tsunamis ab. So rettet er viele Menschenleben. Ständig lacht das Gebirge und zeigt seine monströsen Zähne. Das ist ekelhaft.

BESUCHERIN: Nein, so nicht. Das ist ein Sport, den ich nicht beherrsche, immer mit den Skiern auf die Machthügel hinauf und dann wieder hinunter fetzen in so einem grässlichen Sportdress. Aber am liebsten oben bleiben und die Macht haben und dann auch ausüben auf Bergen von Toten, deren Kinder wir sind. Nein!

Die scheue BESUCHERIN isst ihren Lorbeerkranz mit allen Kamerateams auf und wird Wind, bevor der Alpenmann auch sie packen kann. Sie pfeift fortan durch seine Täler und streut aus einem großen Sack weißes Pulver auf seine Almen. Es handelt sich um Dynamit aus dem Hause Nobel. Nun ist die ganze Welt Österreich.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2004/ 1./2.1.2005)

Von Robin Detje

Robin Detje ist ausgebildeter Clown und Schauspieler. Heute lebt er als freier Autor in Berlin und New York und schreibt unter anderem für die "Zeit", die "Süddeutsche Zeitung" und "Theater heute". Er übersetzt Theaterstücke und inszeniert am Theater Combinale in Lübeck. Auf der "TIP"-Liste der 100 peinlichsten Berliner des Jahres 2003 erreichte Robin Detje noch vor Katja Riemann und Florian Illies Platz 75.

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