Verlust des Vertrauens

8. Februar 2005, 16:08
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Der versprochene Aufschwung fand statt: in den USA, im Fernen Osten, und auch in Osteuropa, aber nicht bei uns - Kommentar von Michael Moravec

Spätestens für Sommer wurde er erwartet, der Aufschwung. Was kam, war eine eher lasche "Erholung", wie die Ökonomen das Wachstum von 1,9 Prozent für das Jahr 2004 nennen. Der Aufschwung fand statt: in den USA, im Fernen Osten, und auch in Osteuropa. Aber nicht bei uns.

In Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Österreich reichte das magere Wachstum nicht einmal ansatzweise dazu aus, die hohen Arbeitslosenzahlen zu senken.

2004 als das Jahr der Erkenntnis: Mit den radikalen Kündigungen unter dem Titel "Shareholder-Value" haben viele Unternehmen in den Jahren zuvor auch ihre Kunden abgebaut. Wer noch einen Job hat, spart aus Angst - und damit fällt die Binnennachfrage, der private Konsum, als wichtige Stütze für einen echten Konjunkturaufschwung weg. Ein fataler Kreislauf.

So plausibel, so neu: Noch selten gab es unter Spitzenökonomen so unterschiedliche Auffassungen über die Methoden, den Teufelskreis zu durchbrechen - länger arbeiten, um die Lohnkosten zu senken und die Unternehmen zu entlasten? Kürzer arbeiten, um die wenige Arbeit auf mehrere aufzuteilen?

Noch zu Beginn 2004 hieß das Motto: Die Produktivität muss steigen. Nun, zum Jahresende, fordert der deutsche "Wirtschaftsweise" Peter Bofinger, die "blutleere Binnenkonjunktur" benötige mehr Lohn, zumindest drei Prozent.

Bisher trugen die Exporte in Österreich wie Deutschland die Erholung. Nur sind sie im Vergleich zur Binnennachfrage ein schwaches Instrument: 38 Prozent der Gesamtnachfrage entfallen auf Exporte, 60 Prozent auf den privaten Konsum.

Die Herausforderung 2005: Vertrauen schaffen und die Geldbörsen der Konsumenten öffnen. Damit ist auch klar, dass die in Österreich wieder hochmodernen Thesen des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich A. Hayek derzeit eher kontraproduktiv sind: Die (vereinfachte) Theorie, dass der Markt ohne Einmischung der Politik alles bestmöglich regelt, funktioniert in diesem neuen Umfeld nicht. Es gibt schlicht keine Instrumente in der privaten Wirtschaft, die Vertrauen schaffen und psychologische Barrieren überwinden.

Dabei ist es für Europa allerhöchste Eisenbahn: Das "Lissabon-Ziel", bis 2010 weltweit führender Wirtschaftsraum zu werden, ist nur noch herzig. Die EU kann froh sein, wenn sie bis dahin nicht auf den vierten Platz abrutscht. Das Match wird eher zwischen den USA und China und dahinter dem pazifischen Raum mit Japan entschieden.

Die hohen Preise bei Rohöl, Stahl, Zement und anderen Rohstoffen sind auf den enormen Verbrauch Chinas zurückzuführen und zeigen, wie wenig die "Experten" die Entwicklungen vorhersehen können.

Und ein im Rest der Welt eher unbekanntes chinesisches Unternehmen - Lenovo - kauft das PC-Geschäft von IBM. Der Kampf um Rohstoffe und Wohlstand mit neuen Gegnern ist eröffnet. Und Europa hat da zurzeit keine besonders guten Karten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2004/1./2.1.2005)

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