Das 2004-ABC

7. Juli 2005, 15:44
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Von 5:0 bis "Zeit der Ernte" - Eine Auswahl der STANDARD-Redaktion

5:0 SPÖ-Chef Alfred Gusenbauers aus der Fußballsprache übernommene Ankündigung, bei allen fünf Wahlen im Jahr 2004 einen Sieg einzufahren. Präsidentschaftswahlen, EUWahl, Landtagswahlen in Kärnten, Salzburg und AK-Wahlen gingen für die Roten gut aus. Ob trotz oder wegen Gusenbauer, ist umstritten. Siehe auch: Startklar. (tó)

Alles Roger – Der Schweizer Federer entpuppt sich als bester Tennisspieler aller Zeiten. Gewann 04 nur die French Open nicht, bei denen ein gewisser Gastón Gaudio überraschte. (fri)

Asylgesetz – Fortgesetzte Baustelle. Wurde im Mai novelliert, im September vom Verfassungsgerichtshof teilweise aufgehoben. Muss jetzt erneut repariert werden – was politische Vordenker bisher als Auftrag zur Verschärfung verstanden. (vgl. Gebietsberechtigung). (bri)

Ausgepostelt – Wer braucht im Zeitalter von E-Mail noch Postämter? Dachte sich auch die Post AG und kündigte trotz großen Protests die Schließung hunderter Postämter an. Wer stellt jetzt die blauen Briefe zu? (spu)

Austropop – Gegenwärtig in heimischen Boulevardmedien wieder gern strapazierter Begriff – für Musiker und Entertainer etwa, für die nach diversen „Rosenkriegen“ spätestens in Nostalgieshows des ORF alles wieder gut wird, weil sie „from Austria!“ sind. (cp)

Boxenluder – Jörg Haiders Maskottchenname für FPÖ-Justizministerin Karin Miklautsch, erstmals öffentlich erwähnt bei einem Kart-Rennen in Velden im Juni. Miklautsch, auch sonst nicht zimperlich gegenüber ihrem Landeshauptmann, reagierte mit Verspätung: „Frechheit!“. (tó)

Bubendummheiten – In Altbischof Kurt Krenns sprachlichen Katechismus fallen darunter u.a. Kussszenen und einander umarmende Priesterzöglinge bei einer Weihnachtsfeier. (S.a.: Weihnachtskuss) Der vom Vatikan beauftragte Visitator Klaus Küng sieht das anders. Nach 13 Jahren Amtszeit wurde Krenn abgelöst. (flu/tó)

Budgetdefizit – Alter Fiskalpolitikbegriff, der wieder in Mode kommt, nachdem das bisherige Lieblingswort der Regierung, „Nulldefizit“ (Wort des Jahres 2001) ad acta gelegt werden musste. Das Budgetdefizit beträgt heuer übrigens 1,3 Prozent, im Jahr 2005 soll’s auf zwei Prozent steigen.

Bundländervereinbarung – Wurde (von Bund und Ländern) unterschrieben, um sämtlichen Asylwerbern und anderen „hilfsbedürftigen Fremden“ in Österreich ein Dach über dem Kopf zu verschaffen: Der Bund zahlt 60, die Länder zahlen 40 Prozent für die Unterbringung. Geriet, da sich mehr Fremde als hilfsbedürftig herausstellten als angenommen, bald nach Inkrafttreten am 1. Mai 2004 ins Fahrwasser polemisierender Empörung auf Seiten der Länder. Verschaffte zuletzt Landeshauptmann Jörg Haider via einseitiger Vereinbarungskündigung eine Absprungbasis, gilt im restlichen Bundesgebiet aber weiterhin.

Chianti-Koalition – Politkulinarischer Begriff für die rot-blaue Koalition in Kärnten, deren Verhandlungsende mit Chianti begossen wurde. Ideologischer Vorläufer war die von SPÖ- Chef Alfred Gusenbauer ausgerufene „Spargelstrategie“, unter der eine Annäherung von SPÖ und FPÖ zu verstehen ist. (tó)

Chlorakne – Der ukrainische Oppositionsführer Viktor Juschtschenko wird im September Opfer eines Giftanschlages mit Dioxin. Sein in Folge dessen entstelltes, grau getöntes Gesicht, wird zum Symbol zivilen Widerstandes, der in Neuwahlen mündet. Diese entscheidet der in Wien – s. a.: Schlagoberssuppe – behandelte Juschtschenko Ende Dezember klar für sich. (flu)

Donauraum – Die Monarchie hätte besseren Bestand gehabt, wenn sie mit Öl geschmiert worden wäre. Die OMV kauft mit Petrom quasi halb Rumänien, vom Schwarzwald bis zur Schwarzmeerküste ist jetzt das Ölgeschäft wieder fest in österreichischer Hand. (spu)

Emanzen, linke – Als solche bezeichnete Benita Ferrero-Waldner all jene Frauen, die sie bei der Präsidentschaftswahl nicht gewählt hatten. Seitdem Kult um T-Shirts. Es kursiert auch eine männliche Form: „Linker Emanzer“. (tó)

Ergebnisoffen – Offenheit ist ein feiner Zustand. Wer offen ist, muss sich nicht festlegen, bleibt flexibel, kann seinen Hintern auf vielen Stühlen platzieren. Auf einer Reise nach Jerusalem könnten sich die EU-Regierungschefs damit bequem auf Ankara setzen oder das ebenso bleiben lassen. Dass Verhandlungen notwendig ein offenes Ergebnis voraussetzen – welchen Handel worum könnte man denn sonst noch eingehen? – ist insofern ohne Bedeutung. Aber es lässt gespannt auf den EUGipfel warten, bei dem um ergebnisgeschlossene Verhandlungen gerungen wird, mit denen man zum Beispiel den Briten signalisieren könnte, sie möchten sich doch über den Ärmelkanal hauen. (pra)

E.T.: - Wurde von Hugo Simon in Pension geschickt, nachdem er 3,2 Millionen Euro an Preisgeldern verdient hatte. (fri)

Expedition – Die Erfahrung, dass man Österreich im Auftrag des ORF der Länge nach durchwandern muss, um sich von widerspenstigen Legföhren („Latschen“) ins Gesicht klatschen zu lassen und kaltes Hundefutter aus Dosen zu löffeln, schuf ein neues Wir-Gefühl bei der öffentlich-rechtlichen Jugend. Heutige Wandervögel finden Blicke auf das im Abendrot glänzende Gebirgspanorama „echt fett“, „leiwaund“ oder „geil“ (Letzteres gilt als bevorzugt). In der Zwischenzeit vertrösteten sich die dreieinhalb Zuschauer die Zeit damit, Wetten über das Beischlafverhalten der zusehends verschmutzenden Zeltbewohner abzuschließen. Zum surrealistischen Ausklang von „Expedition Österreich“ kraxelten die Finalisten über Gersthofer Schmiedeeisengitter. Jenseitig. (poh)

Fahrenheit 9/11 – Seit heuer Synonym für ein gewisses Ausmaß medialer Erhitzung: US-Filmemacher Michael Moore prangerte mit der erfolgreichsten Doku aller Zeiten Verbindungen der Familie Bush zu den Bin Ladens an und wollte so die amerikanische Präsidentschaftswahl zu Kerrys Gunsten beeinflussen. Es sollte nicht reichen. S. a.: Four more years. (cp/flu)

Folter – Eine der unseligen Traditionen, gegen die Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte ins Feld geführt werden. Spätestens wenn der Feldzug nicht zum Erfolg führt (aber oft auch viel früher), wenden die Verteidiger des Rechtsstaates sie selbst an. Dumm nur, wenn Foto-Mails oder das Rote Kreuz dabei stören. Was tun? Lösungsvorschlag: Einen Befürworter der Folter zum Justizminister machen. (mf)

Four more years – War es Gott selbst, der George W. Bush ein zweites Mal ins höchste amerikanische Amt hob? Agnostiker tippen eher auf Karl Rove als den Hauptverantwortlichen. Bushs berühmt-berüchtigter Wahlkampfstratege demolierte den Demokraten John Kerry mit einer derart gekonnten Verleumdungskampagne, dass Kerry auch drei gewonnene TV-Duelle nicht mehr ausreichten, um den Ruf des Flip- Floppers loszuwerden. Das Leitmotiv des USWahlkampfs 2004, wie gehabt: Schmutz happens. (win)

„Freiheitskämpfer“ – Die US-amerikanische Politik im Irak weckt, vorsichtig gesprochen, allerhand Widerspruchsgeister – so weit klar. Die nachvollziehbare Empörung über Bush und Rumsfeld drückt aber gerade in diversen öffentlich-rechtlichen Anstalten immer wieder empfindlich auf das sprachliche Unterscheidungsvermögen der befassten Analysten. Wie sonst wäre es möglich, dass man eine entfesselte Soldateska unter dem grünen Banner radikaler Imame für das Abschlachten von Zivilisten und das Köpfen europäischer Geiseln regelmäßig mit dem Ehrentitel „Freiheitskämpfer“ schmückt? Praktiken wie die eben genannten blieben früher dem Berufsbild der „Strauchdiebe“ vorbehalten. (poh)

Friedensprojekt – gut und schön. Sagt ja auch niemand, dass der Trick, Kohle und Stahl gemeinsam zu vermarkten, um nicht mehr aufeinander loszugehen, nicht ursprünglich gut war. Aber weshalb die jüngste EU-Erweiterung gleich ein „gigantisches Friedensprojekt“ (© Günter Verheugen) sein soll, verstehen wir Österreicher nicht. Fakt ist: Ein paar ehemalige Kronländer sind aufmüpfig geworden und wollen gleichberechtigt mit uns alten Ureuropäern mitreden. Und das, obwohl sie den Wiener Vorstellungen einer strategischen Partnerschaft nicht folgen und nichts anderes im Sinn haben, als schnell der Nato beizutreten, um uns umzingeln zu können. Außerdem unterbieten sie uns mit billigen Arbeitskräften und der Flat Tax und transportieren ihre Güter mitten durch unsere Berge. Sie haben einfach nicht verstanden, dass es ihre Aufgabe wäre, unsere Erweiterung zu unterstützen – stattdessen sind sie beigetreten, um Österreichs Position in Europa zu verkleinern. (awö)

GAK: Tatsächlich nicht nur steirischer, sondern erstmals österreichischer Fußballmeister. Trainer Walter Schachner hat es seinem Exarbeitsgeber, der großen, tollen, reichen Wiener Austria gezeigt. (fri)

Gebietsberechtigung – Neue asylrechtliche Idee aus der hohen Schulen sinnverkehrender Amtssprache. Will ausdrücken, dass Asylwerber in Zukunft ohne Berechtigung sein sollen, Gebiete aufzusuchen – es sei denn, sie haben die explizite Bewilligung dazu. Wurde noch unter Innenminister Ernst Strasser als Novellierungsvorschlag für das vom Verfassungsgerichtshof teilaufgehobene Asylgesetz präsentiert. Nachfolgerin Liese Prokop hat dazu noch nicht Stellung genommen. (bri)

Gedenken: Vielleicht zum letzten Mal mit Veteranenabteilungen wurde ein runder Jahrestag der Invasion, D-Day, begangen. Erinnerung, Gedächtnis, lieux de mémoire erfreuen sich überhaupt wachsender Beachtung – als Thema der Geschichtsforscher, verspätet auch bei Restitutionsbemühungen. Das kommende Jahr wird gedächtnismäßig anstrengend, vor allem in Österreich mit seinem dreifachen Gedenksalto. (mf)

Go-Box – Mittelalterliche Wegelagerer wären begeistert gewesen: ohne Arbeitsaufwand von vorbeiziehenden Karawanen Gebühren kassieren. Die Go-Box im Lkw-Cockpit und hunderte, sinnigerweise Galgen genannte elektronische Verrechnungsstationen machen es jetzt möglich; einstweilen werden nur Brummis abkassiert, aber nichts leichter als auch Pkws an den Galgen zu bringen. (spu)

Googlen – Eine astronomisch große Zahl, die nach ihrem Börsengang im Herbst 2004 die beiden Google-Boys Sergey Brin und Larry Page zu astronomisch reichen Milliardären machte. Dotcom lebt. (spu)

Griechenland - Sportnation des Jahres: Olympische Spiele! Rehakles! (cp)

Haartransplantation – Unter der Last der Verantwortung für ganz Italien hatte sich Silvio Berlusconis Platte vergangenes Jahr sichtlich gelichtet. Luxemburgs Jean-Claude Juncker tatschte ihm bei einem dieser lustigen EU-Gipfel einmal sogar heftig aufs bloße Haupt. Es musste also gehandelt werden: Im Sommer ließ der Cavaliere seinen Kopf generalüberholen, verschwand für Tage und tauchte – im August – mit einem kleidsamen Mützchen wieder auf. Das Resultat (Augen-OP inklusive) macht bei den Abgeordneten des italienischen Parlaments noch heute derart Eindruck, dass sie dem Premier in den Sondersitzungen während der Weihnachtsferien gleich mehrfach das Vertrauen aussprechen – mussten. (pra)

Hacklerregelung – Die Bundesregierung erfindet im Zuge der Pensionsharmonisierung für Schwerarbeiter die so genannte Hacklerregelung. Die Diskussion darüber, während der unter anderem die Frage auftaucht, ob auch Polizisten Schwerarbeiter sind, bringt Schüssel und Co richtig ins Schwitzen. (flu)

iPod – Obwohl schon fast drei Jahre alt, eroberte Apples genialer MP3-Player erst heuer den Markt. Und wie: Um das Gerät herum etablierte sich bereits ein ganzes Gewerbe an maßgeschneidertem Zubehör anderer Firmen, von Bose bis BMW. Zum kulturellen Topos ist es auch längst geworden. 90 Prozent Marktanteil scheinen unangreifbar. Doch Apple sollte – nicht zuletzt dank seiner eigenen Geschichte – auf der Hut sein. (mf)

Kindermädchen – werden auch immer unverschämter. Erstens wollen sie, dass man für Sozialversicherung bezahlt. Einige möchten zudem eine neue Sprache erlernen und kommen deshalb aus dem Ausland. Dann verlangen sie eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeitserlaubnis und vielleicht noch ein Schengen-Visum. Und wenn man ihnen dabei hilft, damit sie schnell einsatzfähig sind, lächeln sie zuerst, später nennen sie das dann Amtsmissbrauch. In jüngster Zeit solidarisieren sie sich auch noch mit Ex-Geliebten und ruinieren Politikerkarrieren. Besonders gefährdet sind zur Zeit Minister. Die jüngsten Kindermädchen- Opfer: der britische Innenminister David Blunkett. Der designierte US-Heimatschutzminister Bernard Kerik konnte wegen einer „Nanny-Affäre“ sein Amt gar nicht erst antreten. (awö)

Kollektiv – Das Leben im Kollektiv ist bekanntlich billiger, zumindest für die Bank Aus tria Creditanstalt, die durch einen Kollektivvertragswechsel aus fleißigen Sparkassenbienen bescheidene Banker machen will. (spu)

Landeshauptfrau – Die ÖVP rühmt sich zwar, jede Menge „erste Frauen“ in die Außen-, Innen- und EU-Politik zu entsenden, Salzburgs SPÖ-Chefin Gabi Burgstaller jedoch schaffte es, als Erste den Begriff „Frau Landeshauptfrau“ durchzusetzen. In der Steiermark beharrt VP-Chefin Waltraud Klasnic weiterhin auf „Frau Landeshauptmann“. (tó)

Moral: Mit der Angst vor andersartigen Nachbarn und zu wenig gotteskonformen Schulen konnten Mastermind Karl Rove und sein Protegé Bush die Wahlen mächtig beeinflussen. Das hieß dann moralische Werte, und die waren wichtiger als Randthemen wie Folter (s.d.). Wie wichtig, das zeigte die Aufregung um Nipplegate (s.d.). (mf)

Nandrolon – Könnte die Karriere des Hans Knauß beendet haben. (fri)

Nipplegate – Während einer Showeinlage bei der Superbowl, dem Finale des American Football, legt Justin Timberlake die rechte Brust seiner Duettpartnerin Janet Jackson frei. Der Skandal kostet den Sender CBS satte 550.000 Dollar Strafgeld. Aus Schaden wird man klug: Für 2005 wurde Paul McCartney verpflichtet. (flu)

Nobelpreis – Muss man nach Ansicht vieler deutschsprachiger Feuilletonisten unbedingt selbst abholen, wenn man ihn bekommt, damit man wirklich verdient, was man da verdient. Darüber (und über Stockholm) hinaus: Viele Feste für und ein Video mit Elfriede Jelinek. (cp)

Parsifal – Nach Lars von Triers Ring-Absage Bayreuths große Chance: Von Christoph Schlingensief glorios wahrgenommen; von Tenor Endrik Wottrich tobend abgelehnt. Schwere Zeiten für Familie Wagner. (cp)

„Passion“ – Seit Mel Gibsons immens erfolgreichem Jesus-Film weniger assoziiert mit Leidenschaft als mit aramäischen Beschimpfungen zu Auspeitschungen in Dolby Surround. (cp)

Pensionsharmonisierung – Von der Regierung auch gerne, natürlich völlig wertneutral, „Pensionssicherungsreform“ genannt. Wort des Jahres 2004, auch 2003 schafften es verwandte Begriffe aufs Germanistenstockerl: „Besitzstandswahrer“ etwa. S. a.: Hacklerregelung. (tó)

Pisa-Studie (I) – Neudefinition des Begriffs „Finnische Werte“. Stand dieser einst für stark erhöhten Promillegehalt im Blut von Aki und Kaurismäki, gilt er seit Herbst als Synonym für schlechte Bildungspolitik im Rest von Europa. Wo liegt Finnland eigentlich? (flu)

Pisa-Studie (II) – Das bildungspolitische, heimische Waterloo des heurigen Jahres, in wesentlichen Fertigkeiten sind Österreichs Schüler hinter Deutschland zurückgefallen. Pisa steht nicht für den schiefen Turm in der gleichnamigen italienischen Stadt, es kursieren aber Gerüchte, dass in der heimischen Bevölkerung mitunter auch von einer so genannten „Pizza-Studie“ die Rede war. (tó/cp)

Privatiers – Was gibt es Schöneres, als privat zu sein, der Staat machte es auch 2005 möglich und verkaufte einen großen Brocken seiner Anteile an der Voestalpine, VA Tech und der Telekom Austria. (spu)

Richter-Skala – „Nach oben offen“ ist sie, wie immer dazugesagt wird, aber mehr als 8,9 hat man noch nie gemessen. Diesen Wert haben Seismologen mit der von Charles Francis Richter eingeführten Messmethode auch beim Seebeben vergangenen Woche erhalten. Die Skala ist logarithmisch, d.h. der Wert 9 bedeutet zehn mal so viel freigesetzte Energie wie 8. Noch gewaltiger dürfte das Erdbeben 1556 in der Provinz (Shensi) in China gewesen sein, bei dem etwa 800.000 Menschen den Tod fanden. Doch da gab es noch keine Richter- Skala. (mf)

Rücktritte: Stephan Eberharter und Stephanie Graf kamen diesbezüglich Hermann Maier und Maria Mutola zuvor. (fri)

Satisfaction (I can’t get no) – Heinz-Christian Strache, Obmann der Wiener FPÖ, gibt sich nach einer Kritik an der FPÖ beleidigt und fordert Satisfaktion mit dem Säbel. Während das Österreich des dritten Jahrtausends nur ungläubig den Kopf schüttelt, holt sich Strache ein paar blaue(sic!) Flecken. (flu)

Schlagoberssuppe – Mehrere Monate hatten die Ärzte im Wiener Rudolfinerhaus gebraucht, um sich zur finalen Diagnose durchzuringen. Als abzusehen war, dass der ukrainische Oppositionsführer Viktor Juschtschenko demnächst Präsident sein würde, stand plötzlich auch fest, dass er mit Dioxin vergiftet worden war. Aber nicht mit dieser medizinischen Erkenntnis, die Kollegen schon lange zuvor aus einiger Entfernung höchst plausibel erschienen war, werden die Rudolfiner in die Geschichte eingehen. Vielmehr haben sie Wiens kulinarischen Ruf um die Kreation der Schlagoberssuppe bereichert. Was das ist, weiß zwar niemand. Dafür umso besser, wozu es sich eignet. (jk)

Seligsprechung – Kaiser Karl I. (1877-1922) heilte Krampfadern und wurde vom Papst im Oktober in den Vorhof der Heiligkeit erhoben. Die Monarchisten jubelten, der Rest wunderte sich über das Habsburg- Recycling. (tó)

Schmollwinkel: Dort steht der ORF, seit er wichtige Fußball-TV-Rechte verlor. Premiere und ATV machten das Rennen, in dem sich der ehemalige Bundesliga-Vorstand Peter Westernthaler und ORF-Sportchef Elmar Oberhauser verrechnet hatten. (fri)

Skandallos – Eigentlich sollte es ein Skandal sein, es endete wie das Hornberger Schießen: Alle drei Estag-Vorstände wurden um gutes Geld gefeuert, ein wirklicher Skandal war am Ende nicht in Sicht – außer der skandalösen Abwicklung der Affäre, die keine war. spu Spielberg – Filmreife Inszenierung. Das 700- Mio.-Euro-Projekt des geflügelten Bullen in Spielberg wird wegen Mängel im Script von der Umweltbehörde zurück an den Start geschickt. Vom Kanzler bis zur Landeshauptfrau drängen sich alle um Rollen als Statisten, der beleidigte Regisseur Dietrich Mateschitz winkt ab. 2005: Spielberg II? (spu)

Startklar – Zentrales Schlagwort der SPÖ- Herbstkampagne, das laut Spin-Doktoren die Regierungsbereitschaft der Partei, ihres Vorsitzenden und seines „Startklar-Teams“ bezeichnen soll. Letzteres besteht aus übersichtlichen 77 Personen. S. a.: 5:0 (tó)

Steuerentlastung – © KHG, nach „Nulldefizit“ seine nächste wichtige Wortschöpfung, nicht ganz so prägnant, dafür vielleicht langlebiger: Mit 2005 sinkt die Körperschaftssteuer auf 25 Prozent, statt fünf gibt es nur noch drei Steuerstufen für Arbeitnehmer. S. a.: Zeit der Ernte. (tó)

Sünde – Rocco Buttiglione warf den ersten Stein. Das EU-Parlament schmiss mehrheitlich zurück. Man wollte ihm seine Ansicht, dass Homosexualität eine „Sünde“ sei, nicht nachsehen. Erst recht nicht, weil Buttiglione die Christenpflicht der Reue missachtete. Der Philosoph, der nicht geschwiegen hatte, wurde nicht zum EU-Innenkommissar ernannt und verbringt nun seine Zeit auch nicht überwiegend mit „den Schwuchteln in Brüssel“ (ein Regierungskollege Buttigliones). Dafür kann er – als einziger Politiker Italiens, wie er gern betont – weiter seinen direkten Zugang zum Papst nutzen. Im Vatikan gibt es ja weiß Gott keine Sünder nach Buttigliones Geschmack. (pra)

Superstar, neuer: - Markus Rogan. Bei Sponsor Raiffeisen das sommerliche Kontrastprogramm zu Hermann Maier. Zweitbester Rückenschwimmer der Welt. Der beste heißt Aaron Peirsol und ist sein Freund. (fri)

Untergang, Der – Albtraum. Aufreger. Jetzt aber, „wie es wirklich war“! Bruno Ganz als Führer, erträumt von Bernd Eichinger. Wir warten auf Walter Moers’ dritten Band von „Adolf die Nazisau – Der Bonker“. (cp)

Videobotschaft – Troglodyten und Terroristen haben eines gemeinsam: die Höhle als Wohnort. Die technologische Fortgeschrittenheit des Terroristen äußert sich allerdings darin, dass er mit einer Sony-Handycam ausgestattet ist und so den Rest der Welt periodisch mit Drohbotschaften aus dem pakistanisch- afghanischen Grenzgebiet erfreuen kann. Heuer kündigte Osama Bin Laden den Amerikanern exakt vier Tage vor den Präsidentschaftswahl neue Blutbäder an – wie üblich in Gottes Namen. Möge Allah seine Videokamera 2005 mit dem ultimativen Kurzschluss heimsuchen! (win)

Weihnachtsgeschenk, groß – Schenken ist bekanntlich schöner als beschenkt zu werden. Die Deutschen sind in der beneidenswerten Lage, ein Geschenk zu geben und es zu bekommen. Zar Putin macht’s möglich. Der Kremlchef hat seinem Freund Kanzler Schröder die vorzeitige Tilgung der russischen Schulden als „großes Weihnachtsgeschenk“ mitgebracht. Der hohe Ölpreis lässt die russischen Staatseinnahmen sprudeln. 30 Prozent des von Deutschland importierten Rohöls kommen aus Russland. So macht Schenken wahrhaft Freude. (jk)

Weihnachtskuss – Wichtige Wortschöpfung für alle Kirchentreuen, die bisweilen fremdgehen. S. a.: Bubendummheiten. (tó)

Witwenkrieg – Ein Staatsbegräbnis, zwei Witwen, ein überfordertes Staatsprotokoll. Es brauchte die christliche Diplomatie Kardinal Christoph Schönborns, um beim Begräbnis von Präsident Thomas Klestil die Platzierungsfrage für Edith Klestil und Margot Löffler-Klestil zu lösen. Edith nahm in der Sitzreihe hinter Margot unter den Kindern und Enkelkindern Platz, dafür wurde sie in der Gedenkrede vor der offiziellen Witwe erwähnt. (tó)

Zeit der Ernte – siehe auch Steuerentlastung („die größte in der Geschichte der Zweiten Republik“): Jüngste Kopfgeburt der schwarzen Strategen. Nach runden Tischen, Reformgipfeln und Streiks soll in den letzten zwei Jahren der Legislaturperiode nun Ruhe einkehren, heimatverbündlerisch ausgedrückt: „Zeit der Ernte“. Dafür gibt es ab 2005 erst einmal Brot (in Form der Steuerreform) und Spiele (Jubiläumsfeiern). (tó) (Mitarbeit: Irene Brickner, Karl Fluch, Michael Freund, Fritz Neumann, Claus Philipp, Ronald Pohl, Christoph Prantner, Helmut Spudich, Barbara Tóth, Christoph Winder, Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2004/1.1.2005/2.1.2005)

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