Kolumne: Jugend auf Distanz

30. Dezember 2004, 19:34
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Günter Traxler über die Ergebnisse der Jugendstudie

Anders als so manche Gegensätze unserer Gesellschaft, die, wenn schon nicht vertuscht, so möglichst selten und dezent besprochen werden – etwa die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich –, ist der Gegensatz zwischen Jungen und Alten ein gern und häufig mittels Umfragen untermauerter Topos.

Als solcher bleibt er, wie aus der Geschichte der Menschheit bekannt, dauerhaft bestehen, nur in den Protagonisten hebt er sich auf: Alt ist man rasch, und wer heute den Pensionisten ihr so üppiges Einkommen neidet, will selber keineswegs in freudiger Armut altern.

Nun gibt es – im STANDARD publiziert – wieder eine Studie zum Thema, und sie spiegelt ein Maß an Unzufriedenheit "der Jugend" mit den gesellschaftspolitischen Leistungen der Altvorderen wider, das diese viel zu gut davon kommen lässt: Soweit geht die Kritik der Jungen nicht, dass sie den von ihr dringend verlangten "Generationswechsel" mit annähernd gleicher Dringlichkeit selbst herbeiführen möchte.

Sie ist zwar politikerverdrossen, die Bereitschaft zu eigenem Engagement ist aber so gering, dass die Generation der jetzt an den Hebeln Sitzenden nicht fürchten muss, demnächst von einem Aufstand der Jugend hinweggerafft zu werden. Schade.

Wie weit es zu sinnvollen Handlungsanleitungen führen kann, wenn alles zwischen 15 und 35 unter "die Jugend" zusammengefasst wird, ist die Frage. Der 17jährige Hilfsarbeiter in einer österreichischen Kleinstadt wird nicht dieselben Erwartungen an die Zukunft haben wie eine 35jährige Hausfrau in Wien, und der 30jährige Jungunternehmer sicher nicht dieselben wie eine gleichaltrige allein erziehende Supermarktkassierin.

Jeder dieser Prototypen dürfte sich etwa unter einem "Steuersystem, das Fleiß und Leistung der Bürger belohnt" etwas völlig anderes vorstellen, weshalb sie alle es in schöner Allgemeinheit verlangen können. Folgenlosigkeit garantiert. Finanzminister versprechen das seit Jahrzehnten, darüber sind Kinder zu Greisen geworden.

Wer nach Meinung "der Jugend" den von ihr heiß ersehnten Generationswechsel denn nun vollziehen soll, wenn sie sich dieser Aufgabe nicht selber unterwinden will, bleibt leider dunkel. Nicht, dass man sich sorgen müsste – die politische Bühne des Landes wird nicht leer bleiben, der Generationswechsel gehört zu jenen Veränderungen, die nicht zu vermeiden sind, auch in der Politik.

Nur, wie wird die neue Politikergeneration aussehen, wenn die, die sie ersehnen, sich lieber für ihren Körper und dessen Vervollkommnung, lieber für dessen Vernetzung im World Wide Web als für eine Verbesserung des politischen Systems engagieren? Die Antwort liegt auf der Hand: Annähernd so, wie die jetzige. Die alte Politikergarde reproduziert sich dann eben ungehindert selbst, nach ihren eigenen Bedürfnissen.

Sollte es stimmen, wäre es schon paradox, wenn eine Jugend, die Politik voller Skepsis und rein pragmatisch – auf individuellen Nutzen oder Schaden hin – betrachtet, nichts mehr wünscht, als von Politikern mit Visionen beliefert zu werden. Und von welchen? "99 Prozent der Politiker sind nicht authentisch, sie leben nicht, was sie vertreten", schätzt Jungpolitikerin Maria Vassilakou. Auch wenn sie den Prozentsatz für die Grünen etwas niedriger ansetzen sollte, bleiben ziemlich viele Unauthentische über.

Mit Visionen allein ist es noch lange nicht getan. Sie zu produzieren oder – je nachdem – vorzuspiegeln, ist noch das Billigste. Davon hören wir doch ständig: Die größte Reform aller Zeiten, das gerechteste System für alle etc. – aus der Umsetzung speist sich die Frustration, die Junge an der Politik zweifeln lässt. Aber Verdrossenheit ist keine politische Kategorie, und der Politik kann man nicht entkommen. Auch nicht in die Familie. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2004/1.1./2.1.2005)

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