Der blinde Seher

7. Februar 2005, 19:00
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Michael Köhlmeier lesen ist nicht nur "besser als Fernsehen", sondern vor allem besser als Köhlmeier im Fernsehen

"Besser als Fernsehen" heißt die Leseliste einer Amazon-Kundin, und unter ihren Nominierungen sind die "Sagen des griechischen Altertums" von Michael Köhlmeier.

Das stimmt nicht nur unter Pisa-technischen Gesichtspunkten. Köhlmeier lesen ist nicht nur "besser als Fernsehen", sondern vor allem besser als Köhlmeier im Fernsehen. Der Bildungssender Bayern Alpha sieht das anscheinend anders. Dort erzählt der beliebte Experte "Mythen". Am Freitag zum Beispiel am Stundenplan von Oberlehrer Köhlmeier: Herakles, von Geburt an nicht Everybody’s Darling, um diese Info herum allerlei Personal und Hintergründe. Damit klar bleibt, dass Köhlmeier ein Cooler ist, sagt er, die Lyra habe er sich "immer vorgestellt wie eine richtige E-Gitarre".

Damit das aber nicht anbiedernd kommt, fallen auch Sachen wie "den Garaus gemacht" oder "Mythologem". Hört sich gut an. Zu sehen sind allerdings die sakristeiartige Studiodekoration, eine hölzerne Garnitur, Bücher, ein Automatenheißgetränkplastikbecher. Und weil Köhlmeier nicht Bundespräsident ist und auch nicht Nobelpreisträgerin, hält er nicht still, sondern nutzt emsig sämtliche Möglichkeiten, die ihm geboten sind: Stehen am Pult, Sitzen auf der Bank, Sitzen am Tisch, zwischen diesen drei Stellungen: Schlendern.

Das Bild ist es, das müde macht. Man ertappt sich beim Schielen nach dem braunen Plastikbecher und fühlt sich erstaunlich antik. Kämpft mit dem Schlaf wie Baby Herakles mit der Schlange. Nach unzähligen Namen, die aufflackern wie Fehlzündungen, kommt plötzlich einer, der aufklärt: "Teiresias". Wir erinnern uns und wissen: Teiresias, c’est moi. Der blinde Seher als Vorschau des Spartenkanalkonsumenten. Erkenntnis. Auf Wiederhören! (pen/DER STANARD; Printausgabe, 31..12.2004)

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    Michael Köhlmeier

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