Heiliges Handy

7. Juli 2005, 15:44
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Nicholas Negroponte: Warum erfinden wir nicht endlich Mobiltelefone, die wissen, wann und wo sie stören dürfen?

Kürzlich pries ein Hersteller von Mobiltelefonen eines seiner Produkte damit an, dass es "keine Kamera" habe. Ist das der Anfang eines Trends? Darauf können Sie wetten: Weniger wird bald mehr.

Trend weg vom Komplizierten

Dass immer noch mehr Funktionen in ein einziges Handy gepackt werden, frustriert viele von uns. Vor allem, weil die meisten davon ohnehin nicht verwendbar sind, es sei denn, man ist allerhöchstens zarte 15, verfügt über Adleraugen und winzige Fingerchen. Aber kein Grund zur Verzweiflung: Die technologische Entwicklung von Mobiltelefonen befindet sich an einem Wendepunkt. Und bald werden wir erleben, dass der Trend weggeht vom Komplizierten. Es lebe das Simple!

Schweizer Messer

Was wir jetzt in Händen halten, gleicht einem Schweizer Messer, bei dem Schraubenzieher und Ahle herausklappen, wenn wir nur Messer und Schere brauchen. Die Mikroelektronik wird effizienter, das Design der Mechanik kleiner, viele Funktionen werden in die Software integriert, sodass immer mehr dazukommen, ohne Volumen, Gewicht oder Energieverbrauch zu sehr zu erhöhen. Das ist auch der Grund dafür, dass die Kosten, die eigentlich geringer werden sollen, gleich bleiben oder sogar steigen, weil das Gerät neue Funktionen hat – ob wir das nun brauchen bzw. wollen oder nicht.

Haben wir das nicht alles schon beim Laptop erlebt? Oder welche anderen Möglichkeiten gibt es? Man könnte auf Einfaches zurückgreifen: Ein simples Handy könnte für weniger als 15 US-Dollar (rund 11,50 Euro) hergestellt werden, was für 1,5 Milliarden Personen, zusätzliche User von Kindern bis zu Menschen in Entwicklungsländern, interessant wäre.

Modische Accessoires

Ein Handy, das wenig kostet, könnte auch jene ansprechen, die Handys und genug Geld haben. Swatch zum Beispiel hat verstanden, dass viele Menschen lieber mehrere verschiedene Uhren als modische Accessoires besitzen möchten als einen einzigen Zeitmesser, den man vielleicht zum Studienabschluss bekommen hat und den man dann sein ganzen Leben lang besitzt. Design spielt bei Swatch eine wichtige Rolle.

Aber "einfach" bedeutet nicht unbedingt "billig" oder "monofunktional", sondern vielmehr "elegant" und "leicht zu handhaben". Man denke an den wunderschönen iPod von Apple, der weniger kann, dafür mehr kostet als die meisten seiner Mitbewerber, aber immer noch den Markt dominiert.

Wenn das Mobiltelefon von seiner Funktion losgelöst und mehr als modisches Accessoire betrachtet wird, sind dekorative Bluetooth- Ohrstecker nur der Beginn. Man denkt an eine ganze Ansammlung von Dingen, die untereinander kommunizieren, die man in der Hand tragen kann, anziehen oder sogar schlucken, wie die tägliche Vitaminpille.

Die Funktionen des Telefons, Hörer und Sprechmuschel, können zum Beispiel im Ehering und im Uhrband eingebaut werden. Dadurch wird es möglich, Anrufe entgegenzunehmen oder zu tätigen, indem man das Kinn auf die Hand stützt und ins Armgelenk spricht, und zwar leise, was nicht nur für einen selbst, sondern auch für die Umgebung gut wäre.

Der Vibrationsalarm würde vom Gürtel ausgehen. Man könnte sogar Energie mit den Schuhen erzeugen – schlicht indem man geht. Und wenn es elektronische Geräte gibt, die man gerne ständig bei sich hätte, könnte sie der Zahnarzt in die nächste Krone einbauen.

Zahntelefon

Ein noch futuristischeres Szenario als das Zahntelefon ist eine neue Liga von Geräten, und zwar solche, die Verstand haben. Zum Beispiel ein Mobiltelefon, das weder läutet noch vibriert; stattdessen antwortet es selbst oder liest die Message und reagiert dementsprechend, wie ein guter Butler, der genau weiß, wann und wie er stören darf.

Dieser Level an Intelligenz, der wahrscheinlich noch weitere zehn oder zwanzig Jahr nicht erreicht werden wird, erfordert eine große Vertrautheit mit der jeweiligen Person, deren Leben und Stimmungen, eine Verbindung in der Art, wie man sie mit der besten Sekretärin der Welt hat. Aber diese künstliche Intelligenz erfordert auch das Verständnis der Welt um uns und wie wir Menschen darin leben.

Keine dieser Errungenschaften wird es schon morgen geben. Stattdessen werden wir eine Reihe von Stadien mit größeren oder kleineren Veränderungen durchlaufen, die rascher, dafür sicher eintreten. Mir erscheinen die Bereiche Energie, Download und Design am bemerkenswertesten.

Energie ist vielleicht der Bereich, über den man bei den derzeit am Markt befindlichen Mobiltelefonen die wenigsten Vorstellungen hat. Wir alle haben mit Stromadaptern zu tun, die größer sind als das eigentliche Telefon, dazu kommen Stecker, die nirgends auf der Welt passen, und ein Kabel, das sich nie ordentlich aufrollen lässt.

Aufladen via Datenkabel

Ein kleiner Durchbruch ist der jüngste Schritt in Richtung Aufladen via Datenkabel. Der so genannte USB-Stecker beim Laptop ist weltweiter Standard und viel kleiner und leichter herumzutragen. Bravo!

Radikaler wäre es, wenn man das Handy zum Beispiel durch Schütteln oder durch Drücken von Tasten aufladen oder es einfach als Schuh tragen könnte. Die Idee dahinter ist, Energie zu gewinnen, nicht nur aus der Sonne oder dem Wind, sondern durch menschliche Aktivität. Das ist vor allem dann plausibel, wenn wir Telefone haben, die weniger können, nicht noch mehr.

Ein weiterer Fehler der heutigen Mobiltelefone: Keine der Funktionen kommt über eine aus dem Internet downgeloadete Software. Stattdessen werden sie bei der Herstellung vorprogrammiert. Es sollte möglich sein, neue Funktionen per Funk zu bestellen. Sie möchten ein FM-Radio oder einen besseren Wecker? Laden Sie sie runter. Wenn ein neues Modell auf den Markt kommt, braucht man kein neues Metall oder Plastik, was für den Planeten besser und für den Konsumenten einfacher wäre.

Buchstabensuppe

Der Download übers Netz würde auch der Buchstabensuppe – CDMA, GPRS, GSM, TDMA, UMPTS usw. – ein Ende bereiten. Bevor wir darauf hinarbeiten, uns auf eine Übertragungstechnologie zu einigen, könnten die Handys einfach diejenige runterladen, die im jeweiligen Land gebraucht wird. Selbst wenn eine bestimmte Radiofrequenz verwendet wird, könnte dies durch Software festgelegt werden.

Handy in Form einer Füllfeder oder Brille

Am meisten enttäuscht bei modernen Mobiltelefonen jedoch, dass sie alle mehr oder weniger gleich aussehen, sie kommen in einer von zwei Grundformen daher, welche die bezaubernde Bezeichnung "clam shell" (Muschelform) respektive "candy bar" (Schokoriegelform) tragen. Warum gehen wir nicht einen Schritt weiter und entwerfen ein Telefon in der Form einer Füllfeder oder Brille?

Weil GMS einen kleinen Chip verwendet (das so genannte Subscriber Identity Module, kurz SIM, welches die Identität definiert), wird es möglich, die Eingeweide ihres Mobiltelefons von einer Stelle an eine andere zu transferieren.

Als die SIM-Karte vor 15 Jahren zum ersten Mal vorgestellt wurde, dachten manche, dass dies der Schlüssel zum Modell der Swatch wäre, in dem wir alle möglichen Geräte in unterschiedlichsten Größen und Formen haben, in das wir die SIM-Karte einfach reinstecken und wieder rausnehmen. Aber das passiert selten, und wenn, dann gehen die Fingernägel drauf – vorausgesetzt, man schafft es, zuerst die Batterie zu entfernen.

In erstaunlich kurzer Zeit wurde die Mobiltelefonindustrie genauso reif wie die Automobilherstellung. Dass ein Handy Blitz oder Kamera integriert hat, wird heute ebenso beworben, wie Autohersteller Becherhalterungen, ausklappbare Spiegel oder elektronische Schlüssel anpreisen. Nur wenige Konsumenten befassen sich mit der Zündung, die als gegeben angesehen wird, genauso wie Handybenützer Sprachqualität, Batteriekapazität und Roaming als gegeben sehen. Aber ein Mobiltelefon ist kein Auto, das seinen Preis hat und eine Größe, durch die sich die Zahl, wie viele davon wir besitzen können, von alleine regelt. Wir haben die Freiheit, so viele Kommunikationsgeräte zu besitzen, wie wir wollen. Es ist hoch an der Zeit, dass die Industrie diese Freiheit nützt und beginnt, außerhalb des Gerätes zu denken. (New York Times Syndicate, Übersetzung: Luzia Schrampf/DER STANDARD, Album, 31.12.2004)

Nicholas Negroponte, Autor des Buches "Being Digital" 1995, ist Gründungsmitglied des Media Lab am MIT Cambridge, Massachusetts und sitzt im Vorstand von Motorola.
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    24. Dezember 2004: Papamobiltelefon statt Papamobil? Wo sonst nur Platz für private Fotos und Grußbotschaften per SMS ist, tauchte am Heiligen Abend der Heilige Vater höchstpersönlich auf. Denn in Italien wurde in einer Kooperation zwischen dem italienischen Staatsfernsehen Rai und den beiden Mobilfunkbetreibern TIM und Vodafone die Mitternachtsmette des 84-jährigen Papstes Johannes Paul II. aus dem Vatikan in Rom auf sämtliche Displays sämtlicher Italiener übertragen, die so - quasi per Papamobiltelefon - den päpstlichen Weihnachtssegen erhielten.

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