Abu Ghraib - Schlafende Hunde geweckt

7. Juli 2005, 15:44
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Im digitalen Medienzeitalter wird es immer schwieriger, Geheimnisse totzuschweigen: Das Gefängnis ist ein Beispiel dafür - Von Michael Ignatieff

Die Bilder aus Abu Ghraib verblassen nicht. Der auf der Schachtel stehende Mann mit dem Sack über dem Kopf, ein anderer, vor den zähnefletschenden Hunden kauernd, und die Frau, die feixend auf die Genitalien eines männlichen Gefangenen zeigt – alle wurden unauslöschliche Bilder des Schreckens und der Schande.

Für die Gegner des Irakkrieges bedeutete Abu Ghraib jenen Moment, als die Invasion, die sie immer als einen Akt des Wahnsinns bezeichnet hatten, zum Verbrechen wurde. Für die Befürworter des Krieges war Abu Ghraib noch traumatischer, wenn das überhaupt möglich war.

Moralische Prinzipien zunichte gemacht

Nach Monaten, in denen Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen nicht und nicht auftauchen wollten, wurde die Befreiung des irakischen Volkes zur Hoffnung, die alle Risiken und Gefahren einer Besetzung rechtfertigte. Die Fotos grinsender amerikanischer Narren, die ihren Spaß daran hatten, Gefangene zu erniedrigen, und zwar genau in jenem Gefängnis, in dem die Folterknechte Saddams jahrelang Übelstes vollbracht hatten, haben sämtliche moralische Prinzipien, die noch für den Krieg gesprochen hatten, mit einem Mal zunichte gemacht.

Ein zentrales Anliegen des Krieges gegen den Terror war, dass man darum kämpfte, die Eliten der arabischen Welt zu überzeugen, die Demokratisierung des Irak zu unterstützen – oder ihr zumindest nicht entgegenzuarbeiten, gepaart mit der Gegenstrategie, arbeitslose, unglückliche junge Leute davon abzuhalten, in die Reihen der Terroristen überzulaufen. Die erschütternden Fotos von irakischen Gefangenen, die von US-Soldaten in Abu Ghraib erniedrigt und sexuell missbraucht wurden, die im April im amerikanischen Fernsehen zum ersten Mal gezeigt wurden, haben aber eine verblüffende Wende herbeigeführt.

Totale Niederlage

Ein US-General verglich das Bekanntwerden dieser Fotos mit einer – militärisch gesehen – totalen Niederlage der US-Truppen am Schlachtfeld. Die Wunde hatte man sich selbst zugefügt, und in einem Krieg gegen den Terror kostet das im Endeffekt am meisten.

Demokratien können Schaden nehmen, wenn sie überreagieren

Die Geschichte zeigt, dass nur wenige reife Demokratien durch Terroristen in die Knie gezwungen wurden. Die Briten behielten in Nordirland die Oberhand trotz einer Welle von Gewalt, die Spanier im Baskenland und die Deutschen gegen die Baader-Meinhof-Gruppe. Aber Demokratien können Schaden nehmen, wenn sie überreagieren: die Polizei, die Unschuldige ermordet oder drakonische Gesetze, die Bürgerrechte unnötigerweise einschränken.

Abu Ghraib hat in den USA vor Augen geführt, wie schwierig es ist, einen Aufstand in einem besetzten Land niederzuschlagen, der von der Bevölkerung unterstützt wird. Wie die Franzosen in Algerien oder die Briten gegen die Mau-Mau in Kenia zu Kolonialmachtzeiten sind die USA mit einem Aufstand konfrontiert, der aus militärischer Sicht völlig unbedeutend, aber geradezu verheerend dazu geeignet ist, den Willen der Besatzungsmacht zu unterlaufen. In einem Krieg, in dem die Kräfteverhältnisse unausgeglichen sind und eine Seite alle militärischen Vorteile hat, kann die schwächere Seite gewinnen, indem sie die stärkere zu Aktionen provoziert, durch die sie ihre moralische Überlegenheit und ihr Selbstvertrauen einbüßt.

Als täglich immer mehr Soldaten durch amateurhafte, aber tödliche Sprengkörper und Anschläge aus dem Hinterhalt starben und die Unterstützung der irakischen Bevölkerung für die Besatzer schwand, waren sich Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und seine Generäle im Klaren, dass sie die Zuverlässigkeit ihrer Geheimdienste erhöhen müssen und gleichzeitig jenen Irakern Furcht einflößen, die versucht sein könnten, sich den Aufständischen anzuschließen. Von ganz oben kamen Befehle, die Zahl der Gefangenen in Abu Ghraib zu erhöhen und sie mithilfe von gewissen Verhörtechniken "weich zu klopfen", zu denen explizit der Einsatz von Hunden, Schlafentzug oder Erniedrigung gehörten.

Märchen mit Selbstzweck

"Von ganz oben" bedeutet, dass Präsident George W. Bush höchstpersönlich grünes Licht signalisiert hatte, selbst wenn es keinen ausdrücklichen Befehl gegeben hatte. Bereits Anfang 2002 hat der Präsident, wie wir heute wissen, die geheim gehaltenen Berichte zur Kenntnis genommen, in denen festgehalten wird, dass sich die USA bei der Behandlung der Gefangenen in Guantánamo Bay nicht an die Regeln der Genfer Konvention zu halten haben. Die Behauptung einiger älterer Beamter des Pentagon, dass Abu Ghraib auf das Konto einiger schwarzer Schafe ginge, ist ein Märchen mit Selbstzweck. Allein der Aktenlauf, der von einigen Militärermittlern und zwei Untersuchungskommissionen aufgedeckt wurde, zeigt deutlich genug: Abu Ghraib ebenso wie die Tötung zweier Gefangener am Bagram-Luftwaffenstützpunkt in Afghanistan waren direkte Folgen der Entscheidung des Präsidenten, die Tradition zu missachten, dass sich die USA an die internationalen Menschenrechtsübereinkommen halten.

Rumsfeld und sein Team haben – im wahrsten Sinn des Wortes – die Hunde losgelassen, auf Gefangene, die, wie sich in den meisten Fällen herausstellte, wenig oder keinen Informationswert für die Geheimdienste hatten, die aber dadurch so eingeschüchtert werden konnten, dass sie sich nicht den Aufständischen anschlossen. Der Fehler dabei war nicht bloß anzunehmen, dass die Einschüchterung funktionieren würde, sondern auch eine schlichte Tatsache in Bezug auf Soldaten zu vergessen: nämlich, dass sie alle über Digitalkameras und Internetanschlüsse verfügen.

Ein Krieg gegen den Terror ist ein Medienkrieg. Die Terroristen, die den "Wallstreet Journal"-Reporter Daniel Pearle in Pakistan enthaupteten und jene, die dafür verantwortlich sind, dass Mitarbeiter von im Irak arbeitenden Firmen geköpft werden, fanden einen geschickteren Weg, sich der Macht der digitalen Bilder zu bedienen als ihre amerikanischen Gegner. Das Pentagon hat niemals die Möglichkeit ins Kalkül gezogen, dass dieses unerfreuliche Geheimnis durch die eigenen Soldaten der Welt bekannt gemacht werden könnte. Es war der Soldat Joseph M. Darby, Reservist in jener Militärpolizeieinheit, die für die Misshandlungen zuständig war und sie auch fotografierte, der beschloss, eine CD der Bilder unter der Tür seiner Vorgesetzten durchzuschieben.

Die Wahrheit kommt heraus

Für Optimisten hat Abu Ghraib durchaus auch eine Botschaft der Hoffnung: Die Wahrheit kommt heraus. In einem digitalisierten Medienzeitalter wird es immer schwieriger, schmutzige Geheimnisse auch weiterhin geheim zu halten. Die Tatsache, dass die Geschichte von einem einfachen Soldaten an die Öffentlichkeit gebracht wurde, zeigt, dass innerhalb der US- Streitkräfte noch immer Reste eines elementaren Gefühls für Anstand vorhanden sind.

Für die Pessimisten unter denen, die versuchen, den Irak auf dem Weg zur Demokratie zu unterstützen, schaut es düster aus. Wie alle anderen kolonialen Mächte vorher werden die US- Besatzer im Irak durch einen brutalen Aufstand gezwungen, eine ebenso brutale Politik zu betreiben, welche das Militär um seine Ehre betrügt und jeglichem moralischen Prinzipien zuwiderläuft, durch die es zu diesem Krieg kam.

Jeder Einzelne, der die Bilder aus Abu Ghraib abstoßend findet, möchte glauben, dass ein Strich gezogen und Maßnahmen gesetzt wurden und das Schlimmste vorbei ist. Angesichts der immer schlimmer werdenden Lage im Irak können wir nur hoffen, dass sich das nicht als Illusion erweist. (New York Times Syndicate, Übersetzung: Luzia Schrampf/DER STANDARD, Album, 31.12.2004)

Michael Ignatieff ist Direktor des Carr Center for Human Rights Policy an der Harvard University.
  • 28. April 2004: Die US-amerikanische Nachrichtensendung "Sixty Minutes II" (CBS) veröffentlicht zum ersten Mal die erschreckenden Folterfotos von Abu Ghraib, die weltweit für Bestürzung sorgen. Die US-Soldatin Lynndie England, 22, wird im Mai 2004 zum Symbol für die Erniedrigungen und Misshandlungen irakischer Gefangener durch die US-amerikanische Besatzungsmacht. 
Ihr Fall hätte am 19. Jänner 2005 in Fort Bragg, North Carolina verhandelt werden sollen, wurde aber nach Fort Hood, Texas verlegt. England wurde in 19 Punkten angeklagt, sie könnte vom Militär unehrenhaft entlassen werden und im schlimmsten Fall drohen ihr sogar bis zu 38 Jahre Freiheitsstrafe.
    foto: washington post

    28. April 2004: Die US-amerikanische Nachrichtensendung "Sixty Minutes II" (CBS) veröffentlicht zum ersten Mal die erschreckenden Folterfotos von Abu Ghraib, die weltweit für Bestürzung sorgen. Die US-Soldatin Lynndie England, 22, wird im Mai 2004 zum Symbol für die Erniedrigungen und Misshandlungen irakischer Gefangener durch die US-amerikanische Besatzungsmacht. Ihr Fall hätte am 19. Jänner 2005 in Fort Bragg, North Carolina verhandelt werden sollen, wurde aber nach Fort Hood, Texas verlegt. England wurde in 19 Punkten angeklagt, sie könnte vom Militär unehrenhaft entlassen werden und im schlimmsten Fall drohen ihr sogar bis zu 38 Jahre Freiheitsstrafe.

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