Zurück zu Adam und Eva

7. Juli 2005, 15:44
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Da sind sie wieder: Über die Rückkehr von Moral Konservativismus und Religion in die Politik

Menschen in der ganzen Welt sind perplex, dass die USA George W. Bush wieder gewählt haben. Geht man nach internationalen Meinungsumfragen und den Demonstrationen gegen den Irakkrieg, dann ist er wohl der weltweit am meisten gehasste Staatschef.

Was man vielleicht nicht weiß: Er profitiert zusätzlich zu seiner Machtposition als Oberbefehlshaber der Streitkräfte in Kriegszeiten und als Erfinder eines Systems der Wählerstimmenoptimierung auf dem Nährboden der Kirche auch von der Tatsache, dass die meisten seiner Unterstützer glauben, seine Einstellungen seien das Gegenteil von dem, was sie tatsächlich sind.

Nur zwölf Tage vor der Wahl hat eine Umfrage zu Einstellung und Wissen über internationale Politik ergeben, dass 60 bis 80 Prozent der Bush-Wählern annahmen, dass er – wie sie auch – alles befürwortet: vom umfassenden Verbot von Nuklearversuchen (UVNV) über das Kioto-Protokoll zum Klimaschutz bis zum Internationalen Strafgerichtshof und die Einbeziehung von arbeitsrechtlichen und umweltschützerischen Standards in Handelsabkommen.

Tatsächlich ist Bush aber gegen jeden einzelnen dieser Punkte. Dass Bush nur auf im Vorhinein abgeklärte Fragen zu antworten pflegt, dass er eine zwar sehr volkstümliche, aber doch mehr verschleiernde Sprache verwendet und dass die Amerikaner durch die Medien nur unzureichend informiert werden, ist da nicht weiter überraschend.

Aber inmitten dieser gezielten Verschleierung hat Bush eines klar und eindeutig dargelegt: nämlich, dass er gegen die Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen ist.

Er und sein Netzwerk von tausenden fundamentalistischen christlichen Kirchen und Millionen von selbst ernannten Evangelikanern haben dieses eine Statement aus ihm herausbekommen und haben es zudem geschafft, dass Volksentscheide gegen die Homosexuellenehe in elf Bundesstaaten mit der Abstimmung über den Präsidenten verquickt wurden, um mehr Bush-Wähler zu den Urnen zu bringen.

Natürlich trägt nichts davon dazu bei zu erklären, warum seine Wahlstrategen so sicher waren, dass genau dieser eine Punkt sich in Wählerstimmen niederschlagen werde, oder warum sich diese Wähler überhaupt von der Homosexuellenehe so bedroht fühlen. Es erklärt auch nicht, warum sich Bush persönlich dafür stark macht, dass die US-Verfassung geändert wird, um diese Form der Ehe ungesetzlich zu machen. Und es erklärt auch sicher nicht die Sexualpolitik, welche die Basis für diese Einstellung zur Homosexuellenehe ist.

Die Antwort läuft dennoch für einige direkt auf die Bibel hinaus. Beginnend mit dem lockeren Sager "Gott sagte 'Adam and Eve' und nicht 'Adam and Steve'" bis zu den Aussichten auf Höllenfeuer und Schwefel in Teufels Küche für Homosexuelle, wie sie von tausenden Fundamentalisten und evangelischen Kanzeln aus verbreitet werden: Gottes Wort wurde benutzt, um jegliche Debatte abzuwürgen.

Aber sogar jene, die bereit sind, die Trennung zwischen Kirche und Staat aufzugeben, machen die Bibel nicht zur alleinigen Auskunftsquelle zum Thema Heirat. Andernfalls würden die nämlichen Aktivisten am rechten Flügel versuchen, die Ehe zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen zu verbieten (Genesis 24:3, Numeri 25:2-9; Esra 9:12, Nehemia 10:30), jenes Gesetz aufzuheben, das einem Mann verbietet, neben seiner Frau oder seinen Frauen Nebenfrauen zu nehmen (2. Samuel 5:13, 1. Könige 11:3, 2. Chronik 11:21), Heirat nur dann als legal anzuerkennen, wenn die Braut noch Jungfrau ist, sie zu exekutieren, wenn sie es nicht mehr ist (Deuteronomium 22:13-21) und Scheidung in jeder Form abzuschaffen (Deuteronomium 22:19, Markus 10:9). Sie würden Gesetze einfordern, nach denen kinderlose Witwen ihren Schwager heiraten (Genesis 38:6, Deuteronomium 25:5- 10) und unverheiratete Frauen ohne Aussicht auf einen Freier ihre Väter betrunken machen müssen, um stattdessen mit ihnen Sex zu haben (Genesis 19:31-36).

Ein Wunder, dass Thomas Jefferson geraume Zeit im Oval Office mit der Bearbeitung des Evangeliums verbrachte, um die antidemokratischen Passagen zu eliminieren, die, wie er 1814 in einem Brief an seinen Amtsvorgänger John Adams schrieb, "in den Windungen von sehr minderwertigen Gehirnen" zu finden seien. Weiters kein Wunder, dass er besorgt war über die professionellen Bibeldeuter, weil "in jedem Land und zu jeder Zeit ist der Priester der Freiheit feindlich gesinnt. Er steht immer mit dem Despoten in Verbindung ..."

Kein Wunder, dass James Madison Geistliche im Kongress oder bei der Armee für verfassungswidrig hielt, oder dass John Adams stolz war, dass die Gründungsväter niemals Gespräche mit den Gottheiten führten oder in irgendeiner Weise unter dem Einfluss des Himmels standen ..."

Die Gründerväter wären entsetzt über Bushs Behauptung, mit Gott Unterredungen im Oval Office zu führen, ganz zu schweigen von den Milliarden Steuerdollars, die er seiner christlichen Basis für "Initiativen auf Glaubensbasis" gegeben hat. Sie wären auch erstaunt, wenn sie erfahren würden, dass die Amerikaner noch immer glauben, dass das Allgemeine Gesetzbuch, das wir aus England übernommen haben, auf christlichem Gedankengut basiert, obwohl, wie Jefferson erklärte, seine angelsächsischen Ursprünge einige Jahrhunderte älter waren als das Christentum, und daher "das Christentum weder Teil dieses allgemeinen Gesetzes ist, noch jemals war".

Warum also unterstützen die meisten Amerikaner in Meinungsumfragen und eine große Mehrheit in den Volksentscheiden in diesen elf Staaten Gesetze gegen die Ehe von gleichgeschlechtlichen Partnern? Warum ähnelt ihre Einstellung zur Homosexualität mehr jener in Lateinamerika als jener in Kanada oder Westeuropa, wie aus einer im Jahr 2002 durchgeführten weltweiten Studie des Pew Research Centers in Washington hervorgeht?

Das Beste daran ist, dass Frauen aller Hautfarben einer Heirat zwischen Personen gleichen Geschlechts, egal ob Männer oder Frauen, positiver gegenüberstehen als Männer aller Hautfarben, trotz der Tatsache, dass sich Frauen eher als Männer zu ihrer religiösen Einstellung bekennen und regelmäßiger Gottesdienste besuchen. Dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern, der zumindest acht Prozentpunkte in Bezug auf die Homosexuellenehe und mindestens zwölf Prozentpunkt in Bezug auf Lebensgemeinschaften beträgt, zeigt sich quer durch alle Altersklassen, wirtschaftlichen Situationen und Ausbildungsniveaus.

Unter Collegestudenten tut sich mit einem Unterschied von 20 Prozentpunkten eine wahre Kluft zwischen den Geschlechtern auf. Eine Umfrage unter Studienanfängern an der Universität von Minnesota zeigte, dass zweimal mehr Männer als Frauen der Meinung waren, dass homosexuelle Beziehungen verboten werden sollten, obwohl die Mehrheit auf beiden Seiten gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare befürwortet, einschließlich dem Recht zu heiraten.

Mit anderen Worten "Religion", "Moral" und "Schutz der Familie" ist die Hülle, aber die Bedrohung der geschlechtlichen Identität ist der eigentliche Kern darunter. Die Heirat von zwei Männern im Speziellen und Homosexualität im Allgemeinen sind eine größere Bedrohung für die "Männlichkeit" als für die "Weiblichkeit".

Daher lautet die eigentliche Frage vielleicht: Warum glauben amerikanische Männer, dass ihre Männlichkeit gar so auf dem Spiel steht, mehr als die des Durchschnittsmanns in Großbritannien, Kanada, Frankreich, Deutschland oder Italien? Eine Antwort findet man, zumindest aus historischer Perspektive, im männlichen Mythos des Grenzgängers. Eine zeitgemäßere Antwort liegt im Aufkommen des Militarismus, zurückzuführen auf den Terrorismus, in der Expansionspolitik Washingtons und im ersten Krieg in der US-Geschichte, der von den USA ausgelöst wurde – im Irak. Die Gelüste auf ein Empire haben sich für die meisten anderen Nationen überlebt.

In den USA scheint die Regierung einer Art Männlichkeitskult verfallen zu sein, obwohl Meinungsumfragen zeigen, dass die Haltung der Amerikaner in fast allen Punkten liberaler ist als die der Bush-Regierung. Wie einst Ronald Reagan im berühmten Cartoon, der ihn im Cowboy-Outfit zeigte, könnte Bush mit folgendem Spruch karikiert werden: "Eine Waffe in jedem Halfter, eine schwangere Frau zu Hause, das macht Amerika wieder zum Mann."

Die Polarisierung der Rollen von "männlich" und "weiblich" wurde deswegen geschaffen, damit die Patriarchen die Körper der Frauen kontrollieren können, die das elementarste Produktionsmittel auf der Welt sind, die dazu verwendet werden können, mehr Bürger, Arbeiter und Soldaten zu produzieren.

Das Ziel der Rechten bleibt immer gleich: Sexualität soll in direktem Zusammenhang mit der Fortpflanzung stehen, und jegliche Form der Sexualität, die nicht der Fortpflanzung dient, soll als unnatürlich, nicht gottgewollt oder familienfeindlich verdammt werden. Das sollte man im Kopf behalten, wenn man verwirrt ist, dass dieselben Gruppen sowohl gegen Verhütung als auch gegen Lesben sind und dass Abtreibungsgegner in Schulen ausschließlich Tage der Enthaltsamkeit lehren wollen anstatt Sexualkunde – was erstens die Zahl von Abtreibungen steigen lässt, zweitens aber dazu beiträgt, sie zu senken. Und dass Verbindungen zwischen älteren Frauen und jüngeren Männer häufiger gebrandmarkt werden und daher seltener sind als Verbindungen in umgekehrter Konstellation. Ihr Leitsatz lautet: Sexualität ist nur moralisch akzeptabel, wenn sie der Fortpflanzung dient.

Das ist schlicht gelogen. Anders als die meisten Tiere empfinden Menschen den gleichen Antrieb und den gleichen Spaß an Sexualität, gleichgültig ob sie jetzt empfängnisbereit sind oder nicht. Sexualität war immer schon eine Form der menschlichen Kommunikation ebenso wie ein Weg zur Fortpflanzung, vorausgesetzt wir entscheiden uns dafür.

Die Gesundheit von Frauen ist abhängig von der Möglichkeit, Sexualität von der Fortpflanzung zu trennen. Und diese Möglichkeit hat es immer in derselben Form gegeben. Sexualität zwischen zwei Männern oder zwei Frauen verkörpert diese Trennung, mit ein Grund dafür, weshalb Frauenbewegung und Homosexuellenbewegung historisch betrachtet immer in denselben Gebieten begannen, dieselben Verbündeten und auch dieselben Gegner hatten.

Aber sogar hier könnte die Homosexuellenehe möglicherweise akzeptiert werden. Umfragen zeigen, dass die öffentliche Zustimmung seit 1997 um mindestens elf Prozent gestiegen ist. Menschen, die homosexuelle Freunde, Kollegen oder Familienmitglieder haben, unterstützen mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit die Homosexuellenehe. Das bedeutet, die Unterstützung wird exponentiell ansteigen, sobald schwule und lesbische Amerikaner immer öfter erkennen, dass sie ehrlich sein können, ohne dafür bestraft zu werden.

Auch hat ein weit reichendes Verständnis dafür, dass Menschen, auch lange nachdem sie ihre Fortpflanzungsfähigkeit verloren haben, sexuelle Gelüste haben, dazu beigetragen, dass Sexualität und Fortpflanzung voneinander entkoppelt werden.

Mit harter Arbeit, Einfühlungsvermögen und dem Widerstand gegenüber Politikern und Priestern, die uns auseinander dividieren möchten, werden wir alle gewinnen. Und wir alle werden davon profitieren, wenn Ehegesetze endlich einmal der Realität entsprechen: Menschen lieben einander und gehen eine Verbindung ein aus Gründen, die weit über die reine Fortpflanzung hinausreichen. (New York Times Syndicate, Übersetzung: Luzia Schrampf, DER STANDARD, Album, Printausgabe, 31.12.2004/1.1./2.1.2005)

Gloria Steinem ist Mitbegründerin, ehemalige Chefredakteurin und derzeit Autorin des Magazin "Ms.". Sie gehört zu den einflussreichsten amerikanischen Feministinnen der 70er- und 80er-Jahre und hat mehrere Bücher verfasst, darunter den bedeutenden Band "Outrageous Acts and Everyday Rebellions" (1983) und "Marilyn: Norma Jean" (1986), eine feministische Analyse des Lebens und des Werks von Marilyn Monroe.
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    15. Jänner 2004: US-Präsident George W. Bush in einer Kirche in New Orleans. Universelle Politik im Namen des Kreuzes? In der Bush- Programmatik vermischen sich Religion und Patriotismus. Noch nie war die Kirche so sehr in einen Wahlkampf involviert wie 2004. Am 2. November 2004 kann Bush jun. abermals den Kampf um Wählerstimmen - vor allem in den konservativen Kirchengemeinschaften - für sich entscheiden.

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