Die Degradierung von Mariazell

11. Februar 2005, 16:11
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Es gibt eine Basilika, aber seit Fahrplanwechsel keinen Bahnhof mehr - Fahrgäste können das Wunder der Zugspaltung erleben

Angeblich gilt Mariazell mit seiner berühmten Basilika als international bekannter und renommierter Wallfahrtsort, den alljährlich Zehntausende von Pilgern aufsuchen. In den Augen der Österreichischen Bundesbahnen jedoch ist Mariazell ein unbedeutendes Nest, denn seit dem Fahrplanwechsel hat es keinen Bahnhof mehr, sondern nur eine unbesetzte Haltestelle.

Damit steht der Ort auf der selben Stufe wie etwa Kledering, Wöllersdorf oder Haslau an der Donau. Das Kursbuch vermerkt, der Fahrgast müsse die Karte beim Schaffner im Zug lösen. Was das Kursbuch verschweigt: Der Schaffner stellt Karten höchstens bis St. Pölten aus; wer Seitenstetten oder gar Linz als Ziel auserkoren hat, muss beim Umsteigen erst die Karte für die Weiterfahrt lösen; wobei er vielleicht den Anschluss versäumt.

Angabe im ÖBB-Kursbuch

Die Mariazellerbahn gehört zu den wundersamsten Linien in unseren Breiten, was wenig mit den Geschehnissen im Wallfahrtsort zu tun hat. Die Angabe im ÖBB-Kursbuch, von St. Pölten bis Mariazell fahre eine elektrisch betriebene Schmalspurbahn, hat nur bedingt Gültigkeit, denn die in Laubenbach Mühle endenden Züge sind in der Regel mit Dieselloks bespannt. Nur die Verbindungen "über den Berg" nach Mariazell sind Züge mit elektrischen Lokomotiven oder ein Elektrotriebwagen.

Beim Kauf des Kursbuches erhält man eine im Format A4 gehaltene "Aktualisierung" des Fahrplans der Mariazellerbahn, die natürlich zu Vergleichen lockt. Und da entdeckt man Wunderliches. Der ursprünglich geplante E 6834 Ötscherland wurde gespalten - und zwar in einen gleichnamigen Eilzug, der an Werktagen außer Samstag verkehrt, und in einen namenlosen Regionalzug 6828, der an Samstagen, Sonn- und Feiertagen fährt. Beide Züge verlassen Mariazell um 14.52 Uhr, in St. Pölten kommt der Regionalzug um zwei Minuten früher an. Beim E 6842 Ötscherbär ist der hemmende Effekt der Spaltung noch deutlicher, der Regionalzug hängt den Eilzug sogar um vier Minuten ab.

Überhaupt scheint die Schmalspurige zwischen St. Pölten und Mariazell kein gutes Pflaster - pardon: keine gute Schiene - für Eilzüge zu sein, denn der E 6835 Ötscherland braucht von St. Pölten bis zur - unbesetzten - Endstation 2:34 Stunden, der E 6837 Ötscherbär zwar nur 2:31 Stunden. Die beiden Eiligen werden aber dafür vom nächsten Regionalzug 6841 mit einer Fahrzeit von 2:27 Stunden glatt in den Schatten gestellt.

Kein Qualitätsverlust

Die auf Sparkurs befindlichen Österreichischen Bundesbahnen könnten also ohne Qualitätsverlust auf den Fettdruck für die Eilzüge verzichten. Auf der Ybbstalbahn Waidhofen/Ybbs- Lunz/See hat man anscheinend die Bremswirkung für Eilzüge im Griff, denn der Eilzug Ybbstaler ist gleich schnell wie die Regionalzüge. Bahnfahrern, die zur Information die von den Verkehrsverbünden herausgegebenen Fahrpläne 2005 bevorzugen, entgehen die Feinheiten der Mariazellerbahn. Dort hat man die Veränderungen verschlafen.(Bernd Orfer, DER STANDARD Printausgabe 30.12.2004)

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