Beben hat die Geografie verändert

21. Februar 2005, 09:53
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Ganze Inselgruppen wurden verschoben - Es könnte sogar die Erdrotation beschleunigt und die Erdachse verschoben haben - Mit Grafik

Das Beben hat die Geografie verändert: Ganze Inselgruppen wurden verschoben. Es könnte sogar die Erdrotation beschleunigt, die Erdachse verschoben haben. Und auf den Kanaren werden Vulkanausbruch und Hangrutschung befürchtet. Beides könnte Flutwellen verursachen.

Um 30 Meter verschoben

Das 9,0 nach Richter starke Seebeben vor der Küste Sumatras dürfte die tektonischen Platten unter dem Indischen Ozean um 30 Meter verschoben haben. Forscher vom US Geological Survey teilten Mittwoch mit, Satellitenaufnahmen zeigten, dass sich nach der Verschiebung der Erdplatten vor der Nordspitze Sumatras die Inselgruppe der Nikobaren und die Simeulue-Insel deutlich Richtung Meer bewegt hätten. Genaue Angaben über die Verlagerung ließen sich aber erst nach weiteren Messungen machen.

Genauigkeit von GPS-Satelliten

Nasa-Forscher stellten unterdessen die Theorie auf, dass sich durch das gewaltige Beben die Erdrotation beschleunigt haben könnte. Aufgrund der durch die Erdstöße bewegten Massen komme man rechnerisch auf drei Millionstel Sekunden, um die sich die Erde nach der Katastrophe nun schneller drehen könnte. Außerdem habe die Erdachse durch das Beben womöglich einen kleinen Schlag bekommen, nämlich um rund 2,5 Zentimeter, sagte Richard Gross, Geophysiker der Nasa. Da allerdings die Erdpole ohnehin eine variable Kreisbahn von rund zehn Metern zögen, fiele dies kaum ins Gewicht. Auch diese Annahmen müssten durch weitere Messungen überprüft werden. Sollten sie sich bestätigen, könnten dadurch die Genauigkeit von GPS-Satelliten beeinträchtigt werden. Eine Beschleunigung von drei Mikrosekunden wäre in der Lage eine Ungenauigkeit von bis zu einem halben Meter zu verursachen - was nachjustiert werden kann.

Tsunami-Frühwarnsystem

Nachdem es inzwischen als erwiesen gilt, dass ein Frühwarnsystem nach Vorbild des Überwachungsnetzes im Pazifik viele Menschenleben hätte retten können, forderte die UNO Mittwoch die internationale Staatengemeinschaft auf, ein weltweites Tsunami-Frühwarnsystem zu errichten. In Ermangelung eines solchen brach die Flutwelle Sonntag ohne jegliche Vorwarnung über die betroffenen Küstengebiete. Und das, obwohl die US-Tsunamiwarnzentrale auf Hawaii Epizentrum und annähernde Stärke des Bebens etwa eine Stunde nach den Erdbewegungen bereits berechnet und eine entsprechende Warnung ausgegeben hatte - wie DER STANDARD berichtete, rund eine Stunde bevor die Flutwelle die letzten Küstenabschnitte erreichte. Allein, es fehlte ein Kommunikationsnetz, die Zentrale konnte betroffene Länder nicht verständigen.

Was im Indischen Ozean geschah, ist grundsätzlich auch in der Nordsee, im Mittelmeer und Atlantik denkbar. Nicht nur Seebeben, auch Vulkanausbrüche und ins Meer rutschende Gesteinsmassen können verheerende Flutwellen auslösen. Auf den Kanaren beforschen Geophysiker schon seit Längerem das Risiko. Für das Urlauberparadies Teneriffa wurde daher kürzlich die Alarmstufe angehoben: Forscher befürchten den Ausbruch des Pico de Teide, der mit 3718 Metern höchsten Erhebung im Atlantik. Dass es sich dabei um einen aktiven Vulkan handelt, wurde lange ignoriert - bis Mitte Jahres Erdbeben die Insel schüttelten. Seither ist der Teide nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Erhöhte Wachsamkeit

Vulkanologen sind sich sicher, dass Magma in den Kegel aufsteigt. Die Alarmampel wurde daher auf gelb gestellt, auf "erhöhte Wachsamkeit". Das Institut für Vulkanologie an der Uni La Laguna erklärte, ein Ausbruch des Teide stehe mit "60- bis 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit" bevor. Da sich die Beben im bevölkerten Norden der Insel konzentrieren, rechnen die Forscher damit, dass der Vulkan statt aus dem Gipfel aus der nördlichen Flanke ausbrechen könnte. Flankeneruptionen waren am Teide bereits in der Vergangenheit die Regel. Und im schlimmsten Fall könnten dabei gewaltige Gesteinsmassen ins Meer abrutschen - und eine fatale Flutwelle auslösen.

Katastrophenforscher Bill McGuire, Leiter des Benfield Hazard Research Centre in London, warnte laut Spiegel-online auch vor Tsunamis, die von der Kanaren-Insel La Palma bis an die Ostküste der USA rollen könnten. Demnach drohe die Westflanke des dortigen Vulkans Cumbre-Vieja wegzurutschen, dabei könnten bis zu 500 Kubikkilometer Gesteinsmassen ins Meer stürzen. Die Folge wäre eine Flutwelle, die zuerst die Nachbarinseln und nach einer Stunde Afrika erreichen würde. Europa würde nach etwa vier bis sechs Stunden von einer bis zu zehn Meter hohen Welle getroffen, die USA nach neun bis zwölf Stunden. (DER STANDARD Printausgabe 30.12.2004)

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    Vulkane - Explosive Zeugen der Kontinentaldrift

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