Wo Guten Tag noch Glück auf heißt

19. Mai 2005, 11:19
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Die Kumpel im steirischen Breitenau gehören zu den letzten Bergarbeitern in Österreich - Zum Teil unter tropischen Bedingungen gehen sie ihrer gefährlichen Arbeit nach

Breitenau - Die Temperatur beträgt 25 Grad, die hohe Luftfeuchtigkeit macht das tropische Klima perfekt. Nur die Sonne fehlt. Was Urlauberherzen höher schlagen lässt, treibt 500 Meter unter der Oberfläche, auf Revier sechs, den beiden Bergmännern, Gerhard Schaffer und Erich Pretterhofer, bloß Schweiß ins Gesicht.

Mit zwei Metallstangen klopfen die beiden Mitarbeiter des RHI-Magnesitbergwerks im steirischen Breitenau die Decke in einem Seitenschacht nach losem Gestein ab.

Das Tückische dabei sei, dass man die großen lockeren Gesteinsbrocken auch durch das Abklopfen nicht aufspüren könne. Der letzte tödliche Unfall eines Kumpels ist keinen Monat her, Angst haben die beiden Männer trotzdem nicht.

"Schließlich kann einem auch auf der Straße etwas auf den Kopf fallen", bekommt zu hören, wer die Arbeiter nach der Gefährlichkeit ihres Berufes befragt.

Gegenseitiges Vertrauen

Dass sich die Mitarbeiter sicher fühlen, hänge mit dem gegenseitigen Vertrauen zusammen, sagt Adolf Harrer, stellvertretender Betriebsleiter in Breitenau. Jeder müsse darauf vertrauen, dass die Kollegen die Arbeit sorgfältig erledigen.

Das Vertrauen wiederrum schafft Zusammenhalt: Neben der eigenen Sprache der Bergarbeiter - Guten Tag heißt hier Glück auf - sind die Männer stolz auf ihren Beruf. Viele üben ihn bereits in der dritten Generation aus.

Dabei sind die glorreichen Zeiten im österreichischen Bergbau schon lange vorbei, 2800 Menschen arbeiten noch im Bergbausektor in 30 Betrieben, die meisten davon im Magnesit-, Eisenerz- und Salzabbau. Bergleute im klassischen Sinne gibt es nur mehr einige Hundert. Neben Unternehmensschließungen sind dafür laut Wirtschaftskammer (WKÖ) Rationalisierungsmaßnahmen verantwortlich.

Hohe Energiekosten und teure Umweltauflagen

Das Problem seien hohe Energiekosten und teure Umweltauflagen, sagt Herbert Bardach von der WKÖ. Der Bergbau in Breitenau ist aber nicht gefährdet, heißt es bei RHI. Die internationalen Rohstoffpreise seien zu starken Schwankungen ausgesetzt.

Das österreichische Unternehmen ist mit seinen weltweit rund 7700 Mitarbeitern Marktführer bei der Erzeugung von Feuerfestprodukten, die vor allem in der Stahlerzeugung eingesetzt werden.

Ohne Kostensenkungen geht es aber auch in der Steiermark nicht. Das ist auch im Veitscher Werk spürbar, wo das Magnesit zu Feuerfeststeinen verarbeitet wird. Die Unternehmensführung ist aber stolz darauf, dass die Rationalisierungen weit gehend ohne Kündigungen ablaufen würden. Durch Pensionierungen, sagt Werner Pointer, Chef der Controllingabteilung, und durch Umschulungen könnten die Einsparungen "sozial" gestaltet werden.

So findet man bei RHI vor den Monitoren der Produktionsüberwachung häufig gelernte Kfz-Mechaniker oder Schlosser. Effizienter produzieren kann RHI, das 2003 rund 77,5 Mio. Euro Gewinn erzielte, auch durch die eigene Ideenwerkstatt. Jeder Mitarbeiter kann schriftlich Verbesserungsvorschläge deponieren, werden sie umgesetzt, erhält der Betreffende eine Prämie oder Geschenke.

Angst um den Arbeitsplatz

Dennoch grassiert auch hier die Angst um den Arbeitsplatz. Der alte Spruch "zur Veitsch und dann in die Pension" gilt nicht mehr, sagt ein Mitarbeiter. Dabei sind die Arbeiter bereit, den Standort mitzusichern, ihre Loyalität zum Betrieb überrascht.

Einer der Arbeiter erzählt, dass sein über dem Kollektivvertrag liegender Lohn seit zehn Jahren nicht mehr gestiegen sei. Dennoch zeigt er Verständnis: "Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen wir billig produzieren."

Der Einzige, für den das nicht gilt, ist der alte Roboter "Urban", der nur alle paar Minuten ein Etikett auf die Waren klebt. "Wäre das ein Mensch, hätten wir ihn schon kündigen müssen", scherzt Controllingchef Werner Pointer. (András Szigetvari, DER STANDARD Printausgabe, 30.12.2004)

  • Das österreichische RHI-Bergwerk in Radenthein zählt zu den letzten in Österreich.
    foto: rhi

    Das österreichische RHI-Bergwerk in Radenthein zählt zu den letzten in Österreich.

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