Pro: Ein starkes Statement

29. Dezember 2004, 15:30
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Schüssel überlässt Lorenz und dessen Team auch den sensibelsten Ort Österreichs, den Heldenplatz

Was sich die heimischen Kunst- und Kulturinstitutionen zum "Gedankenjahr 2005" einfallen ließen, ist in der Tat erstaunlich: Das Burgtheater zeigt, dramaturgisch raffiniert, zwei Produktionen, mit denen das wiedererrichtete Haus 1955 eröffnet worden war. Man stellt Fotografien von Erich Lessing aus (auf der Burg Schlainz und in Klagenfurt), Karikaturen von Ironimus (sowohl zum EU-Beitritt als auch zu "Österreich ist frei"), Möbel aus der Nachkriegszeit (im Hofmobiliendepot) und so weiter: Samt all der Gedenkfeiern, Leistungsschauen und zweifellos notwendigen Symposien ein ungemein überraschendes Programm.

Da es kaum Sondermittel gibt, trägt eben jeder bei, was er beitragen kann, auch wenn der Beitrag mitunter gar nichts mit den Ereignissen, derer die Republik gedenkt, zu tun hat: Im offiziellen Sammelsurium werden auch eine Ausstellung über den Wien-Gipfel von Kennedy und Chruschtschow 1961 und die dritten Ernst-Jandl-Lyriktage in Neuberg an der Mürz geführt.

Dass ein aufmüpfiger Geist wie Wolfgang Lorenz, Planungsstratege beim ORF, ein solches Nichtprogramm zum Gähnen findet, ist kaum erstaunlich. Sehr wohl erstaunlich ist es aber, wenn der Kanzler ihn beauftragt, auf die denkwürdigen Daten mit polarisierenden Inszenierungen im öffentlichen Raum zu reagieren, die den Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft spannen - mit einem Haus Europa als humane Variante zu Big Brother (mit Hinein- statt Hinauswählen).

Lorenz hat sich immer dazu bekannt, für die Masse zu arbeiten. Aber als ORF-Kulturchef initiierte er auch diverse Kultursendungen, darunter die Kunststücke, die ein reines Minderheitenprogramm waren. Wenn er also ausschließlich mit Sponsorengeldern eine Bombennacht nachstellt (noch dazu eine aus dem März 1945, die den Zusammenbruch des bereits zusammengebrochenen NS-Regimes nicht beschleunigte), dann bedient er sich zwar der Ästhetik der Videospiele und der Infrarotbilder, mit denen die USA über das Fernsehen "saubere" Irakkriege zu vermitteln versuchten. Denn mit ihr erreicht er sein Zielpublikum: die jungen Menschen, die nicht willens sind, die Ausstellung im Staatsarchiv zu besuchen oder der Gedenkfeier zur Befreiung Wiens beizuwohnen. Aber Lorenz, der Quotengeier, belässt es nicht bei platter Emotionalisierung: Event geht bei ihm immer Hand in Hand mit Reflexion und Aufklärung.

Der Kanzler wird sich daher auch von den eigenen Reihen einige Kritik gefallen lassen müssen. Überlässt er doch Lorenz und dessen Team auch den sensibelsten Ort Österreichs, den Heldenplatz: Hinterfragt wird nicht nur der Heldenkult (durch Einmauerung der Reiterstandbilder), sondern auch die Geschichte jenes Areals. Der riesige Teppich mit den weißen Kreuzen, der hinauf bis zum Balkon der Neuen Burg führen soll, von dem aus Hitler am 15. März 1938 den Anschluss verkündete: Das kann ein sehr starkes visuelles Statement sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 11. 2004)

Kommentar von Thomas Trenkler

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