Wir - mitten im Tsunami

7. Februar 2005, 19:00
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Blöd nur, wenn das Aufplustern zum Selbstläufer wird. Wenn es dort einsetzt, wo jedes "Wir-sind-der-Nabel-der-Welt"-Gefühl unangebracht ist

Groß sein ist nicht leicht. Vor allem wenn man in Wirklichkeit ziemlich klein ist. Da hilft Aufplustern. Tiere machen das so: Mitunter (gar nicht so selten) fällt das Visavis darauf herein - und je öfter es gelingt, umso mehr ist der Plusterer davon überzeugt, tatsächlich so wichtig zu sein, wie er tut. Der schlaue Zwerg weiß daher, dass es vor allem darauf ankommt, im richtigen Moment den Kamm schwellen zu lassen.

Beim Skifahren etwa. Manchmal beim Schwimmen: Wenn sich Sportreporterstimmen in "wir"-Hysterie überschlagen, tut das keinem weh. Vielen Zwergen streichelt es das (kleine) Baucherl - und die anderen können (hoffentlich) drüber lachen.

Blöd nur, wenn das Aufplustern zum Selbstläufer wird. Wenn es dort einsetzt, wo jedes "Wir-sind-der-Nabel-der-Welt"-Gefühl unangebracht ist. Etwa wenn am anderen Ende der Welt 20.000, 30.000 oder mehr Menschen sterben - und das im ORF angesichts der dort in den Hauptnachrichten transportierten Sorge um das Schicksal der Österreicher fast zum Nebenaspekt wird. Also untergeht. Im Wortsinn.

Ein Missionar klagte am Montag, dass Europas Medien fast ausschließlich über das "Elend" der Touristen berichten würden - nach tausenden vermissten Küstenbewohnern frage niemand. Die Meldung blieb ziemlich unbeachtet: Viele österreichischen Touristen, hieß es dafür im ORF, hätten tatsächlich alles, was in ihren Hotelzimmern war, verloren. Sogar ihre Pässe.

Nur: Zumindest dem Tsunami war die Nationalität seiner Opfer egal. (rott/DER STANDARD; Printausgabe, 29.12.2004)

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