Wer profitiert beim Bau eines Kindergartens?

30. Dezember 2004, 12:44
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Gender-Mainstreaming darf Frauenförderung nicht ersetzen - Kommentar der anderen von Sonja Wehsely

Gender-Mainstreaming zielt darauf ab, Chancengleichheit als Querschnittsmaterie zu betrachten und beachtet bei allen Maßnahmen und Gesetzen die Auswirkungen auf Männer und Frauen. Gut so! Auf Bundesebene versucht Schwarz-Blau aber mittels PR-trächtiger Vermarktung von Gender-Mainstreaming Frauenförderung nachhaltig auszuhungern.

Investitionen

Auf Wiener Landesebene gibt es seit Jahren ein klares politisches Bekenntnis zur querschnittsorientierten Frauen- und Gleichstellungspolitik. Das Ergebnis: Wir haben österreichweit die höchste Frauenerwerbsquote und die geringste Lohnschere.

Unlängst veranstaltete die Stadt Wien eine international besetzte Enquete zum Thema Gender-Budgeting, also Gender-Mainstreaming im Bereich öffentlicher Haushalte. Weil Budgets in Zahlen gegossene Politik sind, müssten im Sinne von Gender-Budgeting bei öffentlichen Investitionen vier Fragen gestellt werden.

Anhand der Finanzierung von Kindertagesheimen sähe das so aus:

1. Wie ist der Zugang von Frauen und Männern zur öffentlichen Dienstleistung "Kindertagesheim" ausgestaltet? Es gibt keine Differenzierung nach Geschlecht bei der Aufnahme in ein städtisches Kindertagesheim. 48,2 Prozent der Kinder in den Einrichtungen sind Mädchen, 51,8 Prozent Buben.

2. Wie wirkt sich unser Kindergarten auf die unbezahlte Arbeit von Frauen und Männern aus? Leider wird Frauen mit Kindern realiter erst durch Kindergärten ermöglicht, bezahlter Arbeit nachzugehen und damit ihre Eigenständigkeit zu sichern.

3. Welche längerfristigen Auswirkungen hat unser städtisches Kindertagesheim auf das Geschlechterverhältnis? Buben müssen nicht unbedingt nur in der Bauecke spielen, Mädchen nicht automatisch mit den Puppen. Die Tatsache, dass vor allem Frauen in Kindertagesheimen arbeiten, verfestigt hingegen das Rollenbild, dass die Erzieherin die Frau ist.

4. Die Frage nach den Auswirkungen auf die Erwerbsarbeit? Bei Bauinvestitionen werden vor allem männliche Arbeitsplätze geschaffen. Dafür sind die errichteten Kindergärten und Schulen Orte, an denen derzeit mehr Frauen arbeiten.

Chancengleichheit

Die Gender-Budgeting-Analyse zeigt also, dass der Bau eines Kindergartens in erster Linie durch Männer verrichtet wird, allerdings von Kinderbetreuung neben den Kindern vor allem die Frauen profitieren. Gender-Mainstreaming und Gender-Budgeting sind Instrumente, um Chancengleichheit zu erreichen, keine Programme. Aber: Sie können und dürfen Frauenförderung nicht ersetzen! (DER STANDARD, Printausgabe 29.12.2004)

Sonja Wehsely ist Wiener Frauenstadträtin der SPÖ
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