"Die Ausgangslage ist toll"

31. Dezember 2004, 13:28
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Die 53. Vierschanzentournee startet unter Flutlicht, Cheftrainer Pointner sieht das ÖSV-Team in hervorragender Position

Das Abendessen soll sich nachher schon noch ausgehen. Also kommt am Mittwoch um 16.30 Uhr der erste von fünfzig Springern über die erste der vier Schanzen, und zwei Stunden später wird der Zinnober auch schon wieder vorbei sein. Dann könnte, ehe sie im Allgäuer Kurort Oberstdorf die Gehsteige hochklappen, gerade genug Zeit für die Nahrungsaufnahme bleiben.

Oberstdorf wird sich schon noch rüsten für die WM, die als nordischer Saisonhöhepunkt in der zweiten Februar-Hälfte daherkommt. Österreichs Springerteam macht insofern schon jetzt die Probe aufs Exempel, als es aus dem Zentrum in die noch ruhigere Peripherie und in ein neu errichtetes Hotel übersiedelt ist. Hotel Oberstdorf heißt es der Einfachheit halber, schräg eigentlich, dass der Name noch nicht vergeben war. Das Hotel Oberstdorf also verfügt über einen Turm samt Turmzimmer, dort saß man gestern beisammen, der nordische ÖSV-Chef Toni Innauer konnte gleichzeitig einen Überblick haben und geben. "Wir gehen", sagte er, "als führende Mannschaft mit Selbstvertrauen in die Tournee. Natürlich wünschen wir uns Siege, aber wir fordern sie nicht. Und wir haben einen Haufen Leute, die sich etwas zutrauen."

Martin Höllwarth, Andreas Widhölzl und Thomas Morgenstern sind in dieser Saison schon auf Podesten gelandet, keine andere Nation hat sich derart breit gemacht. "Die Ausgangslage ist toll", sagt Cheftrainer Alexander Pointner, "wir können voll angreifen, der Druck verteilt sich." Die Favoritenrolle bekleidet mit dem in acht Bewerben siebenmal erfolgreichen Finnen Janne Ahonen ein anderer, auch das soll Pointner recht sein. "Er wird sich darauf konzentrieren, nur ja keinen Fehler zu machen. Und gerade dann macht man oft Fehler."

Vor einem Jahr wurde Höllwarth (30) auf dem Weg von Oberstdorf über Innsbruck und Garmisch nach Bischofshofen nur vom Norweger Sigurd Pettersen überflügelt, schon 1992 war er ebenfalls Gesamtzweiter gewesen, im selben Jahr hatte er in Albertville dreimal Olympia-Silber geholt. Sieben Weltcupsiege in dreizehn Jahren hat der Zillertaler gefeiert, keinen einzigen im Rahmen der Tournee. In Oberstdorf war er zuletzt zweimal Zweiter (2001, 2003) und Dritter (2002). Zum Erfolg hat oft nur wenig gefehlt. Im Training will Pointner den Hebel angesetzt haben und weiter ansetzen. "Der Hölli", sagt Pointner, "kann seinen Level im Wettkampf extrem hinaufschrauben. Wenn der Level nun vorher schon etwas höher ist, dann fällt ihm vieles leichter. Er hat das Zeug dazu, der Weltbeste zu sein."

Vor drei Jahren war der Deutsche Sven Hannawald der Weltbeste, als Erster, der alle vier Tourneesiege davontrug. Allein Oberstdorf erlebte von 1998 bis 2002 einen Heimerfolg nach dem anderen. Und doch ist Deutschland plötzlich aus allen Wolken gefallen, Hannawald lässt, weil ausgebrannt, die ganze Saison aus, Martin Schmitt springt hinterher, RTL bangt um die Quote.

22-mal das Wort "Krise" Bei einem Termin des deutschen Verbands und des TV-Senders im Oberstdorfer Kino fiel das Wort "Krise" nur zweiundzwanzig Mal, von "Begräbnisstimmung" knapp gefolgt. "Ich bin gern ÖSV-Cheftrainer", sagt Alexander Pointner. Und sein Blick schweift aus dem Turmzimmerfenster hinüber zum Fuße des Schattenbergs, wo die erste der vier Schanzen steht. (Fritz Neumann aus Oberstdorf - DER STANDARD PRINTAUSGABE 29.12. 2004)

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    Janne Ahonen auf der Anfahrt gen Oberstdorf.

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