Hypothese: widerlegt

31. Mai 2005, 11:40
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Lehren aus der letzten Pisa-Studie - Von Leonhard Dobusch

"Das ganze Geheimnis der wissenschaftlichen Methode liegt in der Bereitschaft, aus begangenen Fehlern zu lernen." Karl R. Popper, "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde"

In der Physik ist es einfach, mit Experimenten der Wahrheit näher zu kommen: Im Labor oder durch Beobachtungen können Vorhersagen bestätigt oder widerlegt werden. In der Politik ist es nicht ganz so einfach, denn politische Experimente können nicht wiederholt werden. Dazu haben die Menschen, die daran teilnehmen, in der Regel keine andere Wahl. Das ändert aber nichts am experimentellen Charakter von Politik.

Niemand weiß das besser, als die Sozialdemokraten Europas: Das sozialistische Gesellschaftsexperiment der Planwirtschaft ist an der Realität gescheitert. Die Antwort auf die immer noch vorhandenen Schwächen der Marktwirtschaft suchen sie deshalb in einer "sozialen Marktwirtschaft". Die Hypothese "Planwirtschaft" aber ist widerlegt.

Im Bildungssystem ermöglichen uns seriöse internationale Vergleichsstudien wie die PISA-Studie nun auch, der Realität ins Auge zu blicken. Und hier zeigt sich, dass auch im Bildungsbereich ein Konzept, eine Hypothese gescheitert ist: Österreich hat (wie Deutschland) auf ein stark differenziertes Bildungssystem mit möglichst früher Trennung der "Begabteren" von den "weniger Begabten" gesetzt. Ergebnis dieses Experiments: Trotz Einsatz der bei weitem meisten Geldmittel pro Schüler sind die Leistungen unteres Mittelmaß.

Nirgends sind die sozialen Hintergründe entscheidender für den Schul- und Bildungserfolg. Deutschen Politikerinnen und Politikern wurde daraufhin schon beim Ergebnis der letzten PISA-Studie bewusst, was sich schön langsam auch in Österreich herumspricht: Die Hypothese "Differenzierung schafft Bildung" ist widerlegt.

Argumente, wie die des Lehrers Wolfgang Sal- zer in seinem Kommentar (STANDARD, 11. 12. 2004), die Qualität und Erfolge der Differenzierung in Bayern und Österreich betonen, widersprechen diesem Schluss nur auf den ersten Blick: Erstens sind Hauptschulen und Gymnasien nur dort erfolgreich, wo sie einer Gesamtschule schon sehr nahe kommen. Nämlich im Falle von Hauptschulen im ländlichen Raum, im Falle von Gymnasien in großen Städten.

Zweitens produziert selbst der "Erfolgsfall" zwischen zehn und 20 Prozent "Ausfälle", eben Schüler, die mit ihren schlechten Rechen- und Leseleistungen "Schuld" am österreichischen PISA-Ergebnis sind. Das Klagen über die sinkende Qualität der Lehrstellenbewerber spricht Bände. Sich eine derart Hohe Quote an "Ausfällen" zu leisten, ist nicht nur unmenschlich, es ist auch ineffizient.

Gerade weil in politischen Experimenten die Betroffenen nicht über eine "Teilnahme" entscheiden können, ist es jetzt umso dringender, das Scheitern der Differenzierung einzugestehen und Konsequenzen zu ziehen. Und dass diese in einer gemeinsamen Schule der 10- bis (zumindest) 14-Jährigen bestehen müssen, daran lassen die erfolgreicheren "Bildungsexperimente" im Rest Europas, allen voran im PISA-Sieger Finnland, keine Zweifel.

Nicht gelöste Probleme

Es wird also Zeit, der Realität ins Auge zu blicken. Im Unterschied zur Planwirtschaft, sind aber diesmal die konservativen Politiker in Österreich und Deutschland an der Reihe, ihre Ideologie der Differenzierung aufzugeben. Dass mit Einführung der Gesamtschule nicht sämtliche Probleme im Bildungssystem gelöst sind, ist aber auch offensichtlich:

Ein Ende der 50-Minuten-Stunde zugunsten von Lern-Blöcken, verbesserte didaktische Ausbildung aller Lehrkräfte, aussagekräftigere Beurteilungssysteme als die ungerechten Noten von 1 bis 5, ein Ende des Sitzenbleibens und Kurssysteme für die Oberstufen sind nur einige weitere mögliche und notwendige Verbesserungen. So wie Marktwirtschaft alleine keine gerechte Verteilung von Chancen und Wohlstand schafft, schafft Gesamtschule alleine nicht die perfekte Bildung. Aber ganz "ohne" geht es eben gar nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2004)

Leonhard Dobusch hat Rechts- und Wirtschaftswissen-
schaften studiert.
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