Wo anno 2005 Hören und Sehen vergehen können

5. April 2005, 21:05
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Der ORF drückt ein Auge zu, lässt Gebührenzahler Publikumsräte wählen, gibt sich neue Programmrichtlinien und kann sich auf Rechnungshof-Prüfung gefasst machen

Der ORF drückt 2005 ein Auge zu, lässt Gebührenzahler ein halbes Dutzend Publikumsräte wählen, gibt sich neue Programmrichtlinien und kann sich auf eine Prüfung des Rechnungshofs gefasst machen.

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Aufatmen nach dem Weihnachtsfeierstress, spätestens aber zu Neujahr? Nicht für Österreichs kleine Medienwelt. Die Jubiläen gehen auch 2005 munter weiter.

Gerade wurden das Radio 80, ORF-Generalin Monika Lindner 60 und News-Gründer Wolfgang Fellner 50.

Doch am 11. Jänner sollten sich all jene zum Brunch ins ORF-Atrium begeben, die sich in den "ZiBs" wiederfinden wollen: Werner Mück, Chefredakteur des ORF-Fernsehens, wird 60. Im November dann der längstdienende ORF-General Gerd Bacher 80.

Dazwischen bleibt noch dem Fernsehen in Österreich Zeit, 50 zu werden. Exakt so viele Jahre seiner Existenz feiert, vielleicht bezeichnenderweise, der Villacher Fasching Mitte Jänner im ORF. Ebenfalls ab Jänner bejubeln ORF und Verlag Ueberreuter die Anstalt mit dem Buch "Achtung Sendung" mit Bildern aus 50 Jahren Fernsehen. Wenig später sollen die wohl launigeren Anmerkungen von Exgeneral Teddy Podgorski zum Thema erscheinen.

Adieu, Sender

Keine rechte Jubelstimmung kam hingegen bei manchem ORF-Betriebsrat auf, ging es um 2005: Die Sendertechnik des ORF wird in diesem Jahr aus der Anstalt in eine Tochterfirma ausgegliedert. Das dürfte es der Medienbehörde etwas erleichtern, ihr 2005 den Zuschlag für den Aufbau von Digitalfernsehen über Antenne zu geben - und nicht der auch den Programmmarkt beherrschenden Mutter ORF). Private - bisherige Favoriten: Raiffeisen, Bawag - dürfen sich beteiligen.

Trost für Belegschaftsvertreter, auch wenn sich der Stiftungsrat zuletzt nicht begeistert zeigte: Ab 2005 bekommen sukzessive auch rund 400 Leasingkräfte vornehmlich der Technik die Chance, sich vom ORF anstellen zu lassen.

Gutes Angebot der Giebelkreuzler

Apropos Raiffeisen: In deren Filialen wirbt das Gebühreninkasso (GIS) des ORF künftig mit Anmelde- und Erlagscheinen für sich, wie sie es bisher bei der Post tat. Das hat nichts mit guten waidmännischen Verbindungen der ORF-Spitze zu tun, sondern mit einem guten Angebot der Giebelkreuzler, wird versichert.

Zur Wahl steht diese ORF-Spitze erst zwischen Sommer und Frühherbst 2006, kurz vor dem regulären Termin der Nationalratswahl. Doch schon 2005 werden dafür Weichen gestellt: Die 35 Publikumsräte sind kommendes Jahr neu zu bestellen. Sechs suchen sich weder Parteien noch Kirchen noch Sozialpartner noch Jugendorganisationen noch Autofahrerklubs aus: Zum zweiten Mal dürfen die Gebührenzahler ein halbes Dutzend Räte per Fax oder Mail bestimmen, die ÖVP wünscht sich nun auch Briefe.

Sie sah sich bei dieser Wahl 2001 von der Mobilisierungskraft der SPÖ glatt ausgebremst, die sechs der sechs Plätze besetzte. Die Volkspartei wünscht sich vom ORF, dass er 2005 allen Gebührenzahlern ein Wahlformular zuschickt, die Anstalt lehnte bisher mit Hinweis auf Kosten ab.

Lindner will 2006 noch einmal antreten

Warum soviel Gewese um diese Wahl, wo der Publikumsrat doch weit gehend frei von Kompetenzen blieb? Simple Antwort: Drei der sechs direkt gewählten Publikumsräte sitzen fix auch im Stiftungsrat, sechs entsendet der Publikumsrat insgesamt dorthin.

Die bürgerliche Wahlschlappe zum Publikumsrat kostete die ÖVP 2001 die absolute Mehrheit im Stiftungsrat des ORF. Und der entscheidet tatsächlich - über das Management wie über Budgets und grundsätzliche Programmfragen. Die Funktionsperiode der 35 Stiftungsräte läuft bis Ende 2005.

ORF-Generalin Monika Lindner will nach eigenem Bekunden 2006 noch einmal antreten. Ihren Stempel drückt sie der Anstalt aber vorsorglich schon 2005 auch grafisch auf. Wie berichtet bastelt ihr langjähriger Vertrauter Günther O. Lebisch an einem neuen Erscheinungsbild des ORF, ganz ohne das traditionelle Augen-Logo. Das will Lebisch 2005 zudrücken. Er bastelte schon die "Danke"-Kampagne und "Alles bleibt besser" für den ORF.

Qualitätskontrolle

Zum Ergebnis "Alles blieb besser" kommt traditionell jedenfalls die Qualitätskontrolle des Hauses. Die gibt der ORF bei den Marktforschern von Fessel in Auftrag, die er schon mit den umfangreichen Quotenmessungen für Fernsehen und Radio gut beschäftigt.

Einige Stiftungsräte gaben sich mit dem Befund nicht zufrieden, dass alles Qualität ist, was der ORF selbst als Information, Sport, Kultur und dergleichen definiert. Für 2005 hat der ORF versprochen, präzisere Programmrichtlinien auszuarbeiten.

Das Ergebnis der Qualitätskontrolle entscheidet schließlich neben unternehmerischen und Quotenzielen darüber mit, ob das Management seine ansehnlichen jährlichen Prämien bekommt. Bisher fielen sie noch nie aus.

Rechnungshof winkt

Kontrolle ist ein gutes Stichwort: Der Rechnungshof, früher im Schnitt alle fünf Jahre auf dem Küniglberg unterwegs, ließ sich schon länger nicht mehr blicken. Zuletzt wollte er 1997 die Gehälter der Besserverdiener im ORF wissen und erstritt sich die Informationen vor Gericht. Eine Sprecherin versichert, man habe ihn nicht vergessen. Er werde sich "schon wieder" auf der Prüfungsliste finden. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 28.12.2004)

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    foto: photodisc
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