Die Rückkehr aus dem Flutchaos

29. Dezember 2004, 19:55
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Am Montagabend landete der erste AUA-Jet aus Sri Lanka in Wien - Psychologen für Rückkehrer am Flughafen

"Wir sind um 9 Uhr 30 auf der Terrasse des Hotel Dutch Exotica auf Sri Lanka beim Frühstück gesessen, als plötzlich der Garten überschwemmt war, dann kam eine zweite Welle, die drei bis vier Meter hoch war und dann sind Liegen und Menschen bis in den ersten Stock geschleudert worden." Als Günter Soukup kurz vor 21 Uhr 30 am Montagabend die Ankunftshalle des Flughafens Wien-Schwechat betritt, ist er sichtlich gezeichnet. Fünfzig Minuten zuvor war er mit 155 anderen Passagieren mit dem Flug aus Colombo (Sri Lanka) und Male (Malediven) gelandet. "Ich weiß von vielen Fällen, die bis heute im Flugzeug keine Angehörigen verständigen konnten", berichtet der Wiener.

An Bord befanden sich auch sieben Verletzte, "aber alle Passagiere konnten das Flugzeug selbständig verlassen", erzählt Horst Lassnig von der Stadt Wien. Nach der Landung wurden die traumatisierten Urlauber in den VIP-Raum gebracht, wo sie mit ihren Angehörigen zusammentrafen und teilweise mit Ersatzdokumenten und warmer Kleidung ausgestattet werden mussten. Dabei kam es zu "sehr emotionalen Szenen", schildert Lassnig. 21 Psychologen standen bereit, um die geschockten Opfer und ihre Verwandten zu betreuen.

Zwei der Verletzten wurden noch in der Nacht mit Rettungswägen nach Salzburg beziehungsweise Oberösterreich gebracht.

"Wurden überrascht"

Aus dem Flugzeug stieg auch der Wiener Kabarettist Wolfgang Pissecker, der auf den Malediven seinen Urlaub verbracht hatte. "Wir wurden absolut überrascht. Meine Freundin hatte um sechs Uhr den Sonnenaufgang beobachtet und am Strand Vibrationen gespürt. Drei Stunden später kam die Flut und das Zimmer stand plötzlich unter Wasser, es war ein Riesenglück, dass es bereits hell war. Wir rannten dann aus dem Hotel und wurden auf Boote gebracht."

Das Außenministerium bestätigte indes am Montagabend, dass vier Österreicher durch die Flutwellen ums Leben kamen. Der Leiter des Krisenstabs im Außenamt, Michael Rendi, meinte, dass "bei diesem Ausmaß auch damit gerechnet werden müsse, dass es mehr Opfer sind". Die Sicherheitsdirektion gab bekannt, dass die 22-jährige Tirolerin Carmen H. in Phuket in Thailand ums Leben kam. Zu den Opfern soll auch der Perchtoldsdorfer Gregor R. gehören.

Der Leiter des österreichischen Touristik-Vereins Joseph Reitinger-Laska sprach von mindestens sechs österreichischen Opfern.

Insgesamt dürften sich 1500 bis 2000 Österreicher in der Krisenregion aufhalten. Rund 500 Personen konnten in der Zwischenzeit wieder von Angehörigen erreicht werden, teilte das Außenministerium am Montagabend mit. Dutzende Österreicher liegen aber verletzt in Krankenhäusern.

Indes startete die große Rückholaktion. Die Europäische Reiseversicherung organisierte eine Rückholung aus Thailand: Vorerst sollen vier schwer verletzte Österreicher nach Hause gebracht werden.

Bei den Personen handelt es sich um eine Familie, die zwei Schwerverletzte und einen Todesfall zu beklagen hat, eine Frau mit Schnittverletzungen und einen Mann mit schweren Beinverletzungen.

Auch ein Team der Tyrol Air Ambulance machte sich auf den Weg nach Phuket, um sich einen Überblick über Patienten, die in verschiedenen Krankenhäusern liegen, zu machen.

Weinende Überlebende

Hochbetrieb herrscht im Wiener Verkehrsbüro: Ein Ferngespräch mit Überlebenden, die aus Phuket "ins Telefon weinten". Verhandlungen über den Rückflug eines jungen Mannes, der sich ohne Pass und Ticket, nur mit den Kleidern am Leib, zum dortigen Flughafen durchgeschlagen hat: "Die Verzweiflung ist größer als nach dem 11. September", meint Petra Wagner, die seit Sonntagfrüh an der Telefonhotline des Wiener Verkehrsbüros sitzt.

Über 1500 Anrufe sind dort seit Bekanntwerden der Katastrophe eingegangen, erläutert die Leiterin des Product Competence Center. Nicht nur besorgte Angehörige, auch verunsicherte Reisende rufen an. Sie wollen wissen wollten, ob sie in den kommenden Tagen Flüge nach Südostasien antreten sollen.

Letzteren, so Wagner, müsse man zuweilen klar machen, dass auch nicht überflutete Landstriche von der Katastrophe betroffen sind. Rund um den Flughafen von Colombo müssen man mit chaotischen Zuständen rechnen.

Viele Angehörige suchen "einfach ein Gespräch, um sich ein wenig zu beruhigen". Namentliche Auskünfte dürfen aus Datenschutzgründen nicht erteilt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2004)

Mindestens vier Österreicher sind durch die Flutwellen in Südostasien gestorben. Indes starteten die ersten Rückholaktionen. Zwei Teams machten sich auf, um Schwerverletzte zu holen.
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