Experte: Frühwarnsystem hätte 30 bis 45 Minuten Zeit für Evakuierung der Strände gebracht

21. Februar 2005, 09:53
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Wien - Mit einem Erdbeben-Warnsystem hätten bei der gestrigen Katastrophe in Asien viele Menschen gerettet werde können, ist der Leiter des Österreichischen Erdbebendienst an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), Wolfgang Lenhardt, überzeugt. Obwohl die Berechnung des Ausmaßes der Katastrophe in den einzelnen Stationen auch einige Zeit in Anspruch genommen hätte, wären doch noch 30 bis 45 Minuten zur Evakuierung wenigstens der Strände zur Verfügung gestanden, so der Experte.

Die erste Welle, die so genannte Grundwelle, des Bebens traf in Österreich nach zwölf Minuten ein. Die Oberflächenwelle kam dann mit etwa 40 Minuten Verzögerung, analysierte Lenhardt die eigenen Messungen des Bebens. Unter anderem aus dem Verhältnis aus Raum- und Oberflächenwelle können die Wissenschafter dann schon das Ausmaß der Katastrophe abschätzen. Klar: Je näher man am Zentrum des Bebens ist, desto rascher kommen auch die beiden Wellen und desto früher ist eine Warnung an die Bevölkerung möglich.

Grund des Ozeans hat sich um bis zu 30 Meter gehoben

Das Fatale an dem Beben in Asien war nach Auskunft von Lenhardt die vertikale Bewegung des Meeresbodens. Forscher schätzen, dass sich der Grund des Ozeans auf eine Länge von 1.000 Kilometern um bis zu 30 Meter gehoben hat, das hat dann die verhängnisvolle Wasserwelle aufgebaut. Die Erdkruste ist unter den Ozeanen mit durchschnittlich acht Kilometern deutlich dünner als im Bereich der Kontinente, hier beträgt die durchschnittliche Mächtigkeit rund 33 Kilometer.

"Der so genannte Tsunami kam durch ein Beben zu Stande, das sich an der Grenze der Indischen und der Eurasischen Platte ereignete", so Lenhardt. Die mindestens 1.000 Kilometer lange Bruchzone erstreckte sich von Sumatra über die Nicobarischen Inseln bis an das Ende der Andamanen. Durch den plötzlichen Schub der indischen Platte nach Osten unterhalb des asiatischen Kontinents kam es zur fatalen Vertikalbewegung. Ein deutscher Experte hat mittlerweile ausgerechnet, dass die dabei frei gesetzten Kräfte dem jährlichen Energieverbrauch der USA entspricht.

So schlimm die Auswirkungen der vom Beben verursachten Flutwelle auch sind, an Land hätte eine vergleichbare Katastrophe noch wesentlich stärkere Auswirkungen. "Man kann davon ausgehen, dass entlang der 1.000 Kilometer langen Bruchzone praktisch alles zerstört würde", sagte der Erdbeben-Forscher.

Mit Nachbeben sei auf jeden Fall zu rechnen, schließlich schwingt die Erde nach einem derartigen Ruck noch einige Zeit wie eine Gitarrenseite nach. Dass durch die Schwingungen auch in entfernten Regionen der Katastrophe Erdbeben ausgelöst werden, glaubt Lenhardt nicht. An der durchschnittlich üblichen Frequenz von 50 Beben pro Tag weltweit werde sich nicht viel ändern.

Abgesehen vom fehlenden Ozean kann es ein vergleichbares Erdbeben wie vor Sumatra in Österreich nicht geben. "Die geologischen Voraussetzungen dafür sind nicht vorhanden", so Lenhardt. Dennoch werden hier zu Lande jährlich bis zu 60 kleinere Beben von der Bevölkerung wahrgenommen. Etwa zehn Mal so häufig schlagen die Messgeräte des Österreichischen Erdbebendienstes an. (APA)

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