Gewinn für beide Seiten

1. Februar 2005, 13:52
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Vom Rekrutieren der Besten bis zu weniger Krankenständen: Angebote zum Ausgleich zwischen Berufs- und Privatleben werden zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil

Während in den USA und verstärkt jetzt auch in Europa die Untersuchung betriebswirtschaftlicher Effekte familienfreundlicher Maßnahmen Usus sind, gehört diese Form des Monitorings in Österreich bisher nur marginal zur Unternehmenskultur.

Wirklich "greifbar" ist der Bereich Work-Life-Balance nicht. Tröstlich, dass zumindest diese Erkenntnis wissenschaftlich festgehalten wurde. In der Studie "Strategie Management und Führung" (International Management Partners) heißt es, dass nur jede sechste von mehr als 300 befragten Führungskräften es im Vorjahr für die Aufgabe des Unternehmens hielt, für den Ausgleich im Spannungsfeld Berufs- und Privatleben zu sorgen. Stress und Überbe- lastung allerdings werden als zunehmend "problematisch" wahrgenommen. Das Studien-fazit als trockener Nachsatz: "Eine bemerkenswerte Diskrepanz."

Warum also nicht mehr Pragmatismus, wenn es in allen anderen Unternehmensbereichen am Ende des Tages auch nur um Soll und Haben geht? "Im Grundsatz ist das richtig", so Gerhard Hirczi, Personalchef der Siemens AG Österreich, "dass vieles nur durch Messung verfolgt werden kann. Es hängt von den Unternehmen ab, ob das ein für sie sinnvoller Zugang ist oder nicht. Wir gehen grundsätzlich von einer Win-Win-Situation aus." In Ermangelung einer österreichischen belegt ein Blick auf die ak- tuelle deutsche Work-Life- Balance-Studie (Prognos AG, Familienministerium), dass aufgrund familienfreundlicher Maßnahmen (von Kinderbetreuung bis Telearbeit) ein positiver Return on Investment zu realisieren ist.

Familien GmbH

Anhand einer - auf Controllingdaten zehn mittelgroßer deutscher Unternehmen basierenden - fiktiven "Familien GmbH" mit 1500 Mitarbeitern brachte der zu erarbeitende Kosten-Nutzen-Faktor Erstaunliches zutage: Einem Kostenaufwand von rund 300.000 Euro stand eine Kosteneinsparung von 375.000 Euro gegenüber. Insgesamt könnten - laut Studie - durch familienfreundliche Maßnahmen über 50 Prozent an Kosten vermieden werden - und zwar auf Unternehmensseite. "Den nachvollziehbarsten Kosten-Nutzen-Effekt hat man beim Thema Gesundheit", ist Gerhard Hirczi sicher. Klaus Sejkora, Psychologe und Trainer bei der Gesellschaft für Personalentwicklung (GfP), teilt diese Ansicht. Besonders auffällig wäre nämlich die Reduktion von Krankenstands- tagen. Für den Erfolg entscheidend sei allerdings - so Alois Miedl, Leiter Customer Services bei Telekom Austria -, dass diese Maßnahmen von allen nachhaltig umgesetzt werden. "Im Bereich Customer Services mit seinen rund 3200 Mitarbeitern setzen wir mit Seminaren auf Bewusstseinsbildung. Bei Mitarbeitern und Führungskräften", so Miedl weiter.

"Die Ergebnisse einer Studie aus 2004 belegen diesen positiven Effekt: Mehr als 80 Prozent fühlen sich am Arbeitsplatz wohl bzw. sehr wohl. Zufriedene Mitarbeiter bringen höhere Leistungen und sind seltener krank. Damit spart auch das Unternehmen Kosten", so Miedl abschließend.

Zukünftig werde der Wettbewerbsvorteil in der optimalen Ausnützung des Arbeitskräftepotenzials liegen, sind Experten sicher. Denn ausgehend von einer sich verändernden Erwerbsstruktur (die deutsche Work-Life-Balance-Studie geht von einer Zunahme der über 50-Jährigen von derzeit 23 Prozent auf 32 Prozent bis 2015 aus) wird neben der Innovationsfähigkeit vor allem die Flexibilität eines Unternehmens entscheidendend sein.

Funktionale Mobilität

"Es ist natürlich eine Herausforderung, diese funktionale Mobilität herzustellen. Weil im Zeitpunkt des Wechsels immer Komfortverlust herrscht", so Gerhard Hirczi, "aber es ist sicher rentabel, weil diese Mitarbeiter unterschiedlichste Situationen bewältigt haben und sich das im Output und im Ergebnis niederschlägt.

Außerdem: Menschen verlangen danach - und Unternehmen müssen entsprechende Antworten geben." (Der Standard, Printausgabe 24./25./26.12.2004)

Von Heidi Aichinger
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