"Agnes und seine Brüder": "Es kann gar nicht rasend genug sein!"

26. März 2005, 22:20
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Regisseur Oskar Roehler über "Agnes und seine Brüder", sein satirisches Porträt einer von Krisen geschüttelten Generation

Ein penibler Grünpolitiker, ein verklemmter Bibliothekar und ein Transsexueller: Oskar Roehlers Komödie Agnes und seine Brüder entwirft über ein Brüdertrio das Porträt einer krisengeschüttelten Generation. Dominik Kamalzadeh traf den Regisseur zum Gespräch.


STANDARD: Agnes und ihre Brüder ist eine Satire, die von den gescheiterten Korrekturen dreier Geschwister erzählt. Was hat Sie daran gereizt?

Roehler: Vorrangig stand bei mir eigentlich die Frage, worauf ich gerade Lust habe. Da ist mir bewusst geworden, wie stark mich amerikanische Filme der letzten Jahre beeinflusst haben - solche, die auch einen gesellschaftspolitischen Ansatz haben wie etwa Magnolia. Figuren in europäischen Filmen haben stets ein unglaubliches Beharrungsvermögen. Da gibt es einen Kosmos, in dem alles sehr kultiviert abläuft, und alles bleibt sehr statisch. Bei den Amerikanern sind Figuren viel dynamischer: Sie tragen Potenzial in sich - auch zur gesellschaftlichen Veränderung. Aber selbst wenn sie nur ihr eigenes Leben umkrempeln wollen, ist da viel möglich.

STANDARD: Es geht also um Veränderung, um die Absetzung von der 68er-Generation, um die Aufbrüche der nächsten?

Roehler: Ja, ich kenne auch in meinem eigenen Leben solche Sturm-und-Drang-Phasen, wo ich die Verhältnisse umkippen wollte - und so habe ich zwei sehr statische Milieus um Männerfiguren entworfen. Moritz Bleibtreu als Hans-Jörg hat ja ein großes Potenzial, sich zu verändern, und sei es durch Mord oder Selbstverletzung. Wenn es darum geht, Figuren zum Handeln zu ermächtigen, bin ich ja nicht zimperlich. Auch wenn es auf den ersten Blick trivial wirkt: Im Kino haben drastische Aktionen die größere Kraft.

Werner, den Herbert Knaup spielt, ist dagegen in den Verhältnissen gefangen und will das auch bleiben. Er trägt einen stark ödipalen Konflikt aus. Dann kam noch die dritte Figur hinzu, Agnes, die ich aus dem Fassbinder-Film In einem Jahr mit 13 Monden nahm. Dabei war es mir wichtig, eine Figur zu haben, die bereits eine schicksalhafte Begegnung hinter sich hat. Als Gegensatz zu den Brüdern, die sich wie Hamster in ihren Rädern bewegen.

STANDARD: Der Hippie-Vater hemmt ihre Veränderungen jedoch - alle drei Brüder weisen ja ziemliche Ticks auf?

Roehler: Ja, aber dieser 68er-Vater, dieser Kronos, ist ja trotz aller seiner dunklen Seite keine Antifigur. Er ist keiner dieser kleinen, politisch ambitionierten Spießer, die mit ihrer Gesinnung Karriere machen wollten. Er ist eine Filmfigur: Ich hatte dabei den RAF-Anwalt Horst Mahler im Kopf, der eine 180-Grad-Drehung zum Neonazi gemacht hat - aus eigentlich ganz verständlichen Gründen. So etwas kennt man ja von Autoren wie Céline, die mal links waren und dann aus purer Enttäuschung ihrer Illusionen nach rechts gewandert sind. Aber solche Leute sind ja im Grunde sympathisch - wie etwa auch Oscar Lafontaine. Mit solchen Leuten kann ich mich ja identifizieren.

STANDARD: Weniger Sympathie zeigen Sie für den Grünpolitiker Werner.

Roehler: Bei ihm ging es vordergründig um den Witz mit dem europäischen Dosenpfand, um diese Szene, in der er telefoniert und mal dringend muss, aber auf keinen Fall das Gespräch unterbrechen will und nicht checkt, dass es auch Schnurlostelefone gibt ... Ich gebe zu, das hatte diesen ganz vordergründig, effekthascherischen Grund. Ich weiß ja gar nichts über grüne Politik - das ist alles, wenn ich ehrlich bin, nicht so wasserdicht, obwohl es gut funktioniert.

STANDARD: Sie spielen durchwegs mit dem Unerwarteten. Hans-Jörg, der Spanner, findet beim Pornodreh die Frau seines Lebens ...

Roehler: Ja, aber zunächst schiebt auch er alle seine Probleme auf den Vater. Es gibt ja viele solche Menschen, die sich nur über das Verhältnis zu ihren Eltern definieren. Dass Hans-Jörg seine Liebe beim Pornodreh trifft, sollte auch ein bisschen Komödie sein. Solche Sachen haben mir einfach Spaß gemacht. So einen schrägen Umweg mitzugehen. Deutschland ist ja ein Land enormer Berührungsängste. Es gibt diese große Vorsicht, bestimmte Grenzen zu überschreiten. Das zeigt sich auch in der Rezeption meiner Filme. Bestimmte Dinge werden nicht zugelassen, weil das ungebührend ist.

STANDARD: Liegt das nicht auch daran, dass Ihre Filme sehr eigensinnig sind? Ihr Stilmittel ist ja die Übertreibung ...

Roehler: Das ist schon auch unterschiedlich. Bei Die Unberührbare waren sich viele einig, dass der Film ein Meisterwerk sei. Dann guckst du dir den Film wieder an und denkst: Mein Gott, was hast du denn da für Vorbilder gehabt? Bist wohl am Ingmar-Bergman-Trip gewesen? Das wirkt plötzlich so schwerfällig und esoterisch, meine Frau und ich haben uns totgelacht.

Ich habe allerdings schon bei Suck My Dick bemerkt, dass ich Freude an massiven Feuerwerken habe. Dass es gar nicht rasend genug zugehen kann. Ich finde, man muss seine Charaktere füttern. Wenn einer sexsüchtig ist, dann brauchst du halt dreißig hübsche Mädels, um das zu zeigen. Ich bin kein Minimalist.

STANDARD: Toll ist, wie Sie Schauspieler gegen ihr Image besetzen.

Roehler: Das mach' ich natürlich ganz bewusst. Bei Agnes und seine Brüder wollte ich Katja Riemann, die eine große Schauspielerin ist, rehabilitieren. Man kennt die Leute ja auch persönlich, und ich gehe oft nach dem Eindruck, den sie auf mich machen, nach ihrer Ausstrahlung. Das macht den Charakter der Figur aus. Irgendetwas spricht einen an, das kann manchmal über Jahre gehen. Das war etwa bei Herbert Knaup so. Schwerer fällt mir die Besetzung, wenn ich keine persönliche Referenz habe, wenn das über das Casting läuft und es keinen richtigen Bezug zum persönlichen Leben gibt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.12.2004)

  • Beziehungshölle eines auf Dosenpfand fixierten Grünpolitikers: Werner (Herbert Knaup) blitzt in "Agnes und seine Brüder" wieder einmal bei seiner Frau Signe (Katja Riemann) ab
    foto: filmladen

    Beziehungshölle eines auf Dosenpfand fixierten Grünpolitikers: Werner (Herbert Knaup) blitzt in "Agnes und seine Brüder" wieder einmal bei seiner Frau Signe (Katja Riemann) ab

  • Oskar Roehler wurde 1959 als Sohn des Schriftstellerpaares Klaus Roehler und Gisela Elsner geboren und wuchs in London, Rom und Nürnberg auf. Er verfasste Drehbücher (u.a. für Christoph Schlingensief und Uli Edel), 1994 drehte er seinen ersten Kurzfilm She. Für seinen Spielfilm Die Unberührbare, der auf der Biografie seiner Mutter beruht, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Derzeit arbeitet er an einer Adaption von Michel Houellebecqs Roman Elementarteilchen.
    foto: filmladen

    Oskar Roehler wurde 1959 als Sohn des Schriftstellerpaares Klaus Roehler und Gisela Elsner geboren und wuchs in London, Rom und Nürnberg auf. Er verfasste Drehbücher (u.a. für Christoph Schlingensief und Uli Edel), 1994 drehte er seinen ersten Kurzfilm She. Für seinen Spielfilm Die Unberührbare, der auf der Biografie seiner Mutter beruht, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Derzeit arbeitet er an einer Adaption von Michel Houellebecqs Roman Elementarteilchen.

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