Osteuropa-Experte: Auch Juschtschenko kein "lupenreiner Demokrat"

29. Dezember 2004, 17:40
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War Ministerpräsident unter Staatspräsident Leonid Kutschma

Hamburg - Der voraussichtliche Sieger der Wiederholungswahl in der Ukraine, Viktor Juschtschenko, ist nach den Worten des Osteuropa-Experten Frank Golczewski "auch kein lupenreiner Demokrat". Man dürfe nicht vergessen, dass er Ministerpräsident unter Staatspräsident Leonid Kutschma gewesen sei. "Ich wäre vorsichtig bei der Einschätzung Juschtschenkos und seiner Helfer", sagte Golczewski am Montag in einem dpa-Gespräch. Der Historiker ist Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Hamburg.

Ob die Wahl des pro-westlichen Juschtschenkos wirklich "ein Fest für die Demokratie" sei, müsse sich erst zeigen. Ein "Fest" sei der ganze Vorgang aber allemal, "weil Wahlfälschungen, die sicherlich vorgekommen sind, sogar gerichtlich festgestellt wurden", betonte Golczewski. Die Abstimmung in der Ukraine vom November war nach massiven Protesten der Opposition wegen Wahlbetrugs zu Gunsten von Viktor Janukowitsch für ungültig erklärt worde

"Die Chancen, die sich für die Ukraine jetzt ergeben, sind schwer abzuschätzen." Es gebe eine Menge Leute, die sich eine stärkere Westbindung erhofften, vor allem in Kiew. "Die stehen aber gegen die, die eher von Russland profitieren und weiter profitieren wollen", sagte Golczewski. Vor allem im östlichen Teil des Landes gebe es viel engere kulturelle Verbindungen nach Russland als in den Westen.

Auch sollte man bedenken, dass gerade in diesem Teil der Ukraine "Russland mit seiner prosperierenden Wirtschaft attraktiv ist". Ein neuer Präsident Juschtschenko werde sich mit den politischen Gegebenheiten in der Ukraine "irgendwie zurechtfinden müssen, ohne eine Seite komplett zu verprellen", betonte der Osteuropa-Experte.

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