Raunzen auf hohem Niveau

8. Februar 2005, 16:08
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Selbst bei guter Konjunktur bleibt die Stimmung gedrückt - ein schlechtes Omen - Kommentar von Eric Frey

Die österreichische Wirtschaft hat im abgelaufenen Jahr mit rund zwei Prozent das stärkste Wachstum seit dem Boomjahr 2000 erzielt, die Prognosen für das kommende Jahr sind noch etwas besser.

Doch die Stimmungslage spiegelt diese Zahlen nicht wider. Das Weihnachtsgeschäft ist wieder schleppend verlaufen und hat bestenfalls ein leichtes Plus verbucht, und selbst die Spenden für "Licht ins Dunkel" sind zurückgegangen, weil die Menschen, wie der ORF erklärte, angesichts der angespannten Lage etwas weniger spendabel waren. Die Steuerreform 2005 wird nächstes Jahr zwar die Staatskassen leeren, aber Wirtschaftsforscher erwarten sich keinen großen Schub für den Konsum. Und die meisten Menschen gehen davon aus, dass die kleinen Steuerersparnisse durch höhere Gebühren und höhere Preise wieder aufgefressen werden.

Apropos Preise: Die Inflation ist mit zwei Prozent immer noch im historischen Vergleich sehr niedrig. Dennoch sind die meisten Menschen überzeugt, dass der Euro alles viel teurer gemacht hat und die Lebenshaltungskosten weiterhin rasant steigen.

Hier mag auch etwas die Hartz-IV-geschädigte Krisenstimmung in Deutschland durchschlagen. Aber an sich ist dieser Katzenjammer kein neues Phänomen: Seit vor rund dreißig Jahren der Ölschock das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit abrupt beendete, sind die meisten Menschen davon überzeugt, dass Jahr für Jahr alles schlechter wird.

Nun gehört es zum ökonomischen Allgemeinwissen, dass die Psychologie für das Wachstum entscheidend ist, weil Menschen nur dann Geld ausgeben, wenn sie an die Zukunft glauben. Deshalb werden auch Regierungen häufig ermahnt, nur ja nichts zu unternehmen, was dieses Vertrauen erschüttern könnte - also von Sparpaketen und Sozialreformen Abstand zu nehmen und lieber die allgemeine Kaufkraft zu stärken.

Doch wer auf den Optimismus der Menschen baut, um die Konjunktur in Schwung zu halten, der müsste eigentlich verzweifeln. Denn viel bessere Rahmenbedingungen wie dieses und nächstes Jahr wird es in Österreich kaum geben. Die späten Neunzigerjahre, als die Wirtschaft mit mehr als drei Prozent wuchs, waren eine Ausnahmezeit, die nicht wiederkehren wird.

Zum Glück spielt sich die Wirtschaft nicht nur im Kopf ab. Gerade für eine exportorientierte und international vernetzte Volkswirtschaft wie die österreichische ist das Raunzen der Menschen weniger wichtig als die Nachfrage aus dem Ausland. Und die ist immer noch gut: Die Rekordwachstumsraten in vielen Teilen der Welt machen die drohenden Marktanteilsverluste durch den hohen Euro wett. Dies hilft nicht nur der Exportwirtschaft, sondern über den Multiplikatoreffekt auch anderen Betrieben. Auch wenn es die meisten nicht wahrhaben wollen: Der Lebensstandard wächst, die sozialen Probleme werden zwar nicht gelöst, aber nehmen auch nicht zu. Wir raunzen von Jahr zu Jahr auf höherem Niveau.

Dennoch gibt es einiges, was einem an den Aussichten für 2005 zu denken geben kann. Wenn die Arbeitslosigkeit bei einer gesunden Wachstumsrate nicht sinken will, dann ist mit dem Arbeitsmarkt etwas nicht in Ordnung. Wenn das Budget am Höhepunkt des Konjunkturzyklus ein Defizit von zwei Prozent aufweist, dann hat Karl-Heinz Grassers Haushaltspolitik ein strukturelles Problem. Wenn der ganze Konjunktureffekt der größten Steuerentlastung der Zweiten Republik durch schwachen Dollar und teures Öl verpufft, dann werden die Grenzen einer solchen Nachfragepolitik schnell deutlich.

Und wenn selbst moderate Einschnitte in das soziale Netz wie die beiden Pensionsreformen von 2003 und 2004 - die meisten Experten haben schließlich drastischere Reformen gefordert - oder die Kürzung der Brillenzuschüsse die Stimmung verderben, dann ist das ein schlechtes Omen für die kommenden Jahre, wenn die demografische Entwicklung weitaus schmerzhaftere Maßnahmen nötig machen wird. (Eric Frey, Der Standard, Printausgabe, 27.12.2004)

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